Leoš Janáček
Sonate für Violoncello und Klavier
(nach der Sonate für Violine und Klavier) Mit einem Kommentar zur Bearbeitung des Werks von Jiří Bárta (tsch./engl./dt.)
Nur bei wenigen Violinsonaten ist es gelungen, sie auch in eine überzeugende Cellosonate umzuwandeln. Die A-Dur-Sonate von César Franck, vom Komponisten selbst in der Fassung des Cellisten Delsart autorisiert, und die G-Dur-Sonate von Johannes Brahms, in einer August-Klengel-Version eine Quarte tiefer gesetzt, sind solche Beispiele. Mit Leoš Janáčeks einziger Violinsonate, 1914 in Zeiten der Weltkriegsunruhen entstanden und 1922 in endgültige Form gebracht, könnte dies mit der hier erstmals als Cellosonate vorliegenden Ausgabe ebenfalls gut gelingen. Denn die spröde Schönheit der etwa 18-minütigen, viersätzigen Sonate des großen Tschechen beruht nicht so sehr auf streicherischer Hochtempo-Brillanz, sondern nimmt den Hörer durch ihre deklamatorische, oft rezitativische, immer wieder von Pausen und Fermaten durchsetzte Expressivität gefangen. Das sind Qualitäten, die dem Cello mindestens ebenso gut liegen wie der Geige.
Der 1964 geborene tschechische Cellist Jiří Bárta, Schüler u. a. von Boris Pergamenschikow, weltweit als Solist gereist und mit zahlreichen Raritäten (Rejcha, Moscheles, Foerster, Martinů, Kopelent etc.) in Konzertsaal und Tonstudio hervorgetreten, hat in überzeugender Weise den Cellopart eingerichtet – was im Wesentlichen die Entscheidung darüber bedeutet, die Originalhöhe der Violine beizubehalten, oder aber, weit öfter, sie um eine oder gar zwei Oktaven nach unten zu transponieren. Der Klavierpart bleibt unverändert, wie bei César Franck. Die tadellos redigierte Ausgabe zeichnet sich durch das Bärenreiter-Großformat 24 x 31, aber auch durch günstige Wendestellen in beiden Instrumenten aus.
Mit dem Herausgeber-Vorwort hätte man sich mehr Mühe geben dürfen. Der Rezensent rätselte lange, was mit der nur angedeuteten „Klavierstimmen-Änderung“ im zweiten Satz „Ballade“ gemeint sei: vermutlich die (sinnvolle) Tiefoktavierung der unisono zum Cello laufenden Melodie in den Takten 77 bis 90. Ansonsten sind auch die neu gestalteten „colla-parte“-Darstellungen in den Takten 112, 114 und 116 wie auch die Notation des Des-Dur-Seitenthemas ab Takt 17 mit fünf b-Vorzeichen statt der im Original unglücklicherweise bleibenden vier Kreuze eindeutige lesetechnische Verbesserungen.
Warum nicht anlässlich einer neuen Ausgabe einmal editorisch auf die „unmögliche“ Metronomzahl zu Beginn des ersten Satzes eingehen, wo Janáček punktierte Halbe = 60 (entspricht Viertel = 180) vorschreibt, alle gängigen (Violin-)Interpretationen aber – vernünftigerweise! – um bis zu 40 Prozent langsamer sind.
Rainer Klaas


