Markus Poschner und Jan David Schmitz
Bruckner-Befragungen
Gespräche über die elf Sinfonien
Die Methodik wirkungsvoller Wissensvermittlung in Dialogform, in der mit Fragen und Antworten Problemfelder erläutert werden, existiert schon seit Platon. Im vorliegenden, liebevoll bereiteten Buch mit Gesprächen über Bruckners elf Sinfonien werden im Nachklang zum Bruckner-Jahr beinahe ungezwungen hauptsächlich biografische sowie musikhistorische Sachverhalte besprochen, geführt von zwei Spezialisten im weiten Umfeld des großen österreichischen Komponisten. Markus Poschner auf der einen Seite, der seit 2017/18 Chefdirigent des Bruckner-Orchesters in Linz ist, als gefeierter Bruckner-Interpret gilt und den Posten bis 2026/27 innehaben wird, und auf der anderen Seite Jan David Schmitz, der zwischen 2018 und 2024 Programmchef des Brucknerhauses Linz war und das dortige Internationale Brucknerfest leitete.
Die offen geführten Gespräche bauen sinnvoll aufeinander auf, wollen mit freiem Blick Vorurteile und Klischees abbauen und einem neuen Bruckner-Bild den Weg bereiten. Jedes Kapitel beginnt mit einer Bildbetrachtung: etwa der Mutter zu Beginn oder der Grabstätte in der Gruft von St. Florian – erläutert entweder von Bruckner oder von seinem Umfeld. Mit den Angaben und Entstehungsdaten der einzelnen Werke nebst Fassungen taucht man rasch in die jeweilige Sinfonie ein. Weitere Abbildungen aus den Sinfonien selbst machen das Ganze anschaulich.
Anfangs suchen die beiden Protagonisten noch Vorbilder in Bruckners „Studiensinfonie“, die sich jedoch weder bei Beethoven noch bei Wagner finden, diskutieren dann über das Phänomen der „annullierten“ 2. Sinfonie, die Bruckner als „Nullte“ bezeichnete und deren Rätsel sie zu beleuchten suchen. Ihr bemerkenswertes Ergebnis lautet, dass ihre „radikalen Neuerungen“ (S. 50) wohl nicht in den Gesamtkontext der Sinfonien gepasst hätten. Und so liest man sich durch die einzelnen Werke, manchmal bis ins Detail hinein, wie dem berühmten Paukenschlag in der 7. Sinfonie, S. 198.
Die einzelnen Kapitel lesen sich überaus spannend und unbeschwert. Bekannte Themen wie der Gegensatz Brahms-Bruckner, S. 96/172 ff., werden genauso ausführlich erörtert wie sein Problem mit dem Kritiker Eduard Hanslick, S. 144 ff., oder das Verhältnis zu Wagner und dessen Einfluss auf Bruckner, S.97 ff.
Mit neu interpretiertem Wissen gelangt man bestens informiert zum 12.Kapitel, das sich der unvollendeten Neunten nähert. Markus Poschner kommt hier richtig ins Schwärmen: Alles käme hier in nie dagewesener Dichte zutage: „Seine Herkunft, die Traditionsversessenheit, die Polyphoniebesessenheit, all jene von ihm lebenslang bewunderten Fixpunkte kommen zur Vollendung“, S. 243.
Werner Bodendorff


