Franz Willnauer (Hg.)
Gustav Mahler. Vom Elend eines Genies
Unbekannte Briefe, Dokumente, Erinnerungen
Franz Willnauer, der bereits mehrere Bücher über Mahler publizierte, hat nun ein weiteres Mahler-Buch vorgelegt, mit Dokumenten, Erinnerungen und Briefen von und über Mahler. Darin werden Zeitzeug:innen und Kollegen von Mahler befragt. Erwin Ratz etwa, der die Mahler-Renaissance Mitte der 50er Jahre in Gang setzte, würdigt Mahlers Ensemble von erlesenen Sänger:innen und vor allem seinen „Kampf gegen alle Halbheiten und Kompromisse“. Vom Herausgeber erfährt man Essenzielles über das Sänger-Ensemble der Wiener Hofoper. Mahler habe trotz seines Erneuerungswillens an zahlreichen verdienten Wiener „Göttern“ festgehalten und sie mit wichtigen Aufgaben betraut.
Auch die Erinnerungen von Wiener Pultkollegen sind aufschlussreich, etwa die von Fritz Stiedry, der den Erneuerungswillen Mahlers beschreibt, sich über Tempo, Rhythmus und Dynamik Mahlers auslässt, über sein Repertoire, aber auch über „den Satan Mahler“. Der Dirigent Franz Schalk betont die Kontroversen um die Bedeutung Mahlers, „die Urteile, die hart aufeinanderprallten, auf der einen Seite höchste Verzückung, atemlose Bewunderung – auf der anderen Seite Hass und Geringschätzung“. Zeitzeug:innen wie Berta Zuckerkandl, die die Ehe Almas mit Gustav Mahler anbahnte und eine der bedeutendsten Salonnièren Wiens zwischen 1900 und 1930 war, werfen bezeichnende Seitenblicke auf den Komponisten. Die Musikjournalistin Elsa Bienenfeld hat im Neuen Wiener Journal eine umfassende Würdigung Mahlers als Direktor, Dirigent und Regisseur geschrieben, die darauf hinweist, dass die wegweisenden neuen Tendenzen des Operntheaters praktisch von der Wiener Hofoper, von Gustav Mahler, ausgegangen sind.
Auch Mahlers pikanter Besuch bei Freud kommt zur Sprache. Stefan Zweig bekennt: „Denn uns, einer ganzen Generation, war er mehr als ein Musiker, ein Meister, ein Dirigent, mehr als Künstler bloß, er war das Unvergessliche unserer Jugend.“ Aus der Fülle des Materials entsteht so ein (gut kommentiertes) facettenreiches Porträt des Komponisten, Dirigenten und Privatmenschen Gustav Mahler. Das Buch entfaltet aber auch ein Panorama der Wiener Musikkultur zur Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es gibt nicht nur titelgebend das „Elend eines Genies“ wider, sondern legt auch „von dessen Glorie“ Zeugnis ab und ist ein Mahler-Kaleidoskop mit zum Teil sehr entlegenen Bekenntnissen und Selbstbekenntnissen, Fundgrube und Liebeserklärung zugleich.
Dieter David Scholz


