Dora Pejačević
Complete Symphonic Works: Symphonie fis-Moll op. 41/Verwandlung op. 37b/ Liebeslied op. 39/Zwei Schmetterlingslieder op. 52 u. a.
Annika Schlicht (Mezzosopran), Martina Filjak (Klavier), Staatskapelle Weimar, Ltg. Ivan Repušić
Auch bei Dora Pejačević beginnen viele Apologien mit dem Hinweis, dass ihre Werke dem Qualitätslevel männlicher Komponisten ebenbürtig seien. Vollkommen unnötig und unrechtmäßig abwertend ist eine derartige Kategorisierung. Wie auch zum Beispiel bei Kompositionen von Augusta Holmès, Adèle Hugo und Clémence de Grandval ist ein Hinweis auf frauliche Benachteiligung nur im Hinblick auf die Vita nötig. Es würde dem Konzertbetrieb gut anstehen, wenn die Hommagen zu Pejačevićs 100. Todestag eine nachhaltige Präsenz entwickeln würden. Dazu trägt auch der Dokumentarfilm Dora – Flucht in die Musik bei, den die Pianistin Kyra Steckeweh und der Berliner Filmemacher Tim van Beveren mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Andris Nelsons gedreht hatten (im Strema auf playloudproductions.vhx.tv).
Dieses äußerst hörenswerte Doppelalbum vereint größere Werke der 1923 im Alter von nur 38 Jahren verstorbenen Komponistin und zeigt deren hohen Rang. Die 1885 in Budapest geborene, die auf Programmzetteln mit der Abkürzung „D.“ den Vornamen verschwieg und so ihre Identität als Frau unkenntlich machte, kannte sich im europäischen Schaffen ihrer Zeit hervorragend aus.
Mit der Staatskapelle Weimar setzt Ivan Repušić seine beim Münchner Rundfunkorchester eingeleitete Promotion von Kompositionen aus seinem Heimatland Kroatien in Deutschland fort. Das Doppelalbum verführt ihn zu einem zweistündigen Schwelgen, das er ausreizt und trotzdem nicht überreizt. Die drei Hauptwerke – die Sinfonie fis-Moll, die Phantasie concertante, das Klavierkonzert g-Moll – vereinen Virtuosität, Klangsinnlichkeit, eine die Länge bestens tragende Innenspannung und Abwechslungsreichtum. Die Farbigkeit der Harmonien und Instrumentierung wirkt üppig und dabei unaufdringlich. Die Staatskapelle spielt mit Weichheit und Transparenz. In den Liedern scheint die Stimme der berückend artikulierenden Annika Schlicht aus dem Orchester zu kommen.
Es fällt schwer, bei Pejačević die entschiedene Vorliebe für eine Stilrichtung herauszuhören. Ihre melodischen Gebilde erinnern an die Weichheit Chopins – die Pianistin Martina Filjak verdeutlicht das mit balladeskem, schönem Gestus. Tschaikowskyhafter Nachdruck ist durch schwingungsreiche Leichtigkeit gemildert. Trotz Vorliebe für dichte Instrumentation ist für Pejačević die koloristische Detailfreudigkeit von Strauss und Schreker eine Spur zu exaltiert. Sogar wenn sie herbere Wendungen zeigt, unternimmt Pejačević keinen deutlichen Schritt Richtung Moderne. Ihre Kompositionen machen Effekt, betören, erfreuen und beeindrucken. Im weiten Feld der Spätromantik zwischen Rachmaninow, Szymanowski und Karłowicz ist Pejačević bestens konkurrenzfähig.
Roland Dippel


