Emilie Mayer

Für Emilie. Streichquartette F-Dur und G-Dur

Amai Quartet

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Da Vinci Classics
erschienen in: das Orchester 6/2026 , Seite 78

Emilie Mayer war ganz vergessen. Erst zu ihrem 200. Geburtstag im Jahr 2012 wurde die Komponistin nach und nach wiederentdeckt. Inzwischen wurden von der NDR Radiophilharmonie Hannover, der Neubrandenburger Philharmonie, der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven einige ihrer insgesamt acht Sinfonien aufgenommen.
Zwölf Streichquartette hat Emilie Mayer komponiert, acht davon sind überliefert. Auch hier haben schon das Constanze Quartett und das Arete Quartett Einspielungen vorgelegt.
Das Debütalbum des Amai Quartet zeigt in eindrucksvoller Weise, über welch enorme musikalische Fantasie und hohes kompositorisches Handwerk die Berlinerin, die bei dem Komponisten Carl Loewe und dem Musiktheoretiker Adolf Bernhard Marx studierte, verfügte. Allein schon der knapp 14-minütige Variationssatz Andante cantabile des 1851 geschriebenen F-Dur-Quartetts zeigt die Mannigfaltigkeit ihrer musikalischen Ideen. Die von Mayer erzielte Gleichberechtigung aller vier Stimmen setzen Murasaki
Fukuda (Violine 1), Chiara Siciliano (Violine 2), U Chon Wong (Viola) und Anna Tonini-Bossi (Cello) ganz demokratisch um. Die reiche Harmonik wird klangfarblich unterstützt. Leider geraten manche Läufe in der ersten Violine etwas holprig. Im Allegretto-Finale verbindet das Amai Quartet einen musikantischen Zugriff mit Lust an der Dramatisierung.
Mayers Themen sind meist klassisch gebaut wie der Kopfsatz des
G-Dur-Quartetts (1856), werden aber schon nach wenigen Takten kunstvoll bearbeitet, mit Kontrapunktik unterfüttert und harmonisch auf ungewohnte Wege geführt. Das ist so eingängig wie überraschend, so einfach wie komplex, und dabei immer geschmeidig – große Streichquartettkunst! Leider wird nicht alles von dem jungen Ensemble auf gleich hohem Niveau musiziert. Manche Lagenwechsel sind zu deutlich hörbar wie im Adagio, ab und zu schleichen sich bei Unisonopassagen oder Akkordwechseln Ungenauigkeiten im Zusammenspiel ein. Auch die dynamische Differenzierung des Amai Quartets hat noch Luft nach oben.
Auf der Habenseite steht ein gut ausbalancierter Gesamtklang, der im Allegro-Vivace-Finale auch mal orchestral werden kann. Die Phrasierungen werden klar gezeichnet, sodass das Dialogische, das dieser Musik innewohnt, zum Sprechen gebracht wird. Insgesamt ist es ein großes Verdienst des jungen, in Wien gegründeten Quartetts, diese in Vergessenheit geratene Musik wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Georg Rudiger

 

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