Jules Massenet
Songs with Orchestra – II
Hélène Guilmette (Sopran), Marie-Andrée Bouchard-Lesieur (Mezzosopran), Julien Henric (Tenor), Thomas Dolié (Bariton), Orchestre de l’Opéra Normandie Rouen, Ltg. Pierre Dumoussaud
Bereits die erste Folge gab Anlass zu Begeisterung und mit Erscheinen dieses zweiten Albums ist die Weltersteinspielung der Orchesterlieder von Jules Massenet leider schon vollendet. Die Edition ist ein wichtiger Beitrag zur Erschließung der französischen Vokal- und Klangkultur zwischen Belle Époque und Erstem Weltkrieg. Beide Alben bieten eine wesentliche Kenntniserweiterung für die Ausprägung des Genres, in dem man bisher Massenets Zeitgenossen Henri Duparc und Maurice Ravel für führend erachtete.
Der Komponist liebte seine Interpreten wie den Bariton Victor Maurel, die französische Wagner-Sängerin Rose Caron und Lucy Arbell. Für sie und andere schrieb Massenet Kostbarkeiten für deren schmales Konzertrepertoire mit Melodie-Appetizern und fragilen Instrumentationseffekten – inklusive Orchesterklavier. Impulse der frühen Moderne nahm Massenet mit bemerkenswerter Wachheit wahr.
Dazwischen finden sich auf der CD drei kurze Orchesterstücke – unter anderem Massenets Arrangement von Am Meer aus dem Zyklus Schwanengesang, welches die große Strahlkraft des Liedkomponisten Franz Schubert auch in Frankreich bestätigt.
Die vier Solostimmen agieren auf Exzellenzniveau. Die Frauen tendieren dabei zu einer fast weißen Präsentation ihrer Timbres. Marie-Andrée Bouchard-Lesieur muss sich im Gebet der Heiligen Thérèse gegen einen wiederholt auf Massenet gerichteten Einwand behaupten: die ästhetisierende Camouflage von Religion und Erotik. Jonathan Parisi definiert dieses Phänomen im Booklet als „Saint-Sulpicianismus“ mit Parallelen zu Massenets Oratorien. Julien Henric mit dem Pendant-Stück Le Petit Jésus und Thomas Dolié agieren farbenreicher und spielerischer als die Solistinnen.
Die Klavierfassung der Chansons des bois d’Amaranthe nach Amaranths Waldeslieder von Oskar von Redwitz-Schmölz entstand für den Salon von Léon und Juliette Bessand. Die Expressions lyriques gehören zu Massenets spätesten Kompositionen, von insgesamt zehn Titeln mit Klavier instrumentierte er fünf. Hier sind bereits früher von Massenet kultivierte Mittel noch mehr verfeinert, wie die zäsurlosen Wechsel zwischen rezitativischer Deklamation und feingliedriger Melodie. Dieses Album ist auch in der hingebungsvollen, vorbildlich sensiblen Arbeit von Pierre Dumoussaud und des Orchestre de l’Opéra Normandie Rouen ein mustergültiges Vorbild dafür, wie sich Interpret:innen den Opern Massenets nähern sollten. Dessen Kompositionsstrategien wirken auch auf dem großen Podium eher subtil als extrovertiert. Man hört: Debussys Deklamationsrevolution in Pelléas et Mélisande wurde ansatzweise durch Massenet vorbereitet und später weitergeführt. Auch unter diesem Aspekt ist diese Edition eine aufschlussreiche Pionierleistung.
Roland Dippel


