Otto Biba (Hg.)

Wie funktioniert ein klassisches Orchester?

Ein Buch der Wiener Symphoniker

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin
erschienen in: das Orchester 6/2026 , Seite 70

Der Titel Wie funktioniert ein klassisches Orchester verheißt einen vertieften Einblick. Den bieten zwei der 15 Beiträge, beide aus der Feder des ehemaligen Oboisten Ernst Kobau, und ein Glossar, das über Orchesterdienste oder den Kammerton zu Konzertbeginn informiert.
Umso aufschlussreicher gibt dieses „Buch der Wiener Symphoniker“ Einblick in die Wiener Musikhistorie. Es ist eine Festschrift zur 125-Jahr-Feier, die auch die heutige Rolle eines Konzertorchesters beleuchtet. Ähnliches hat 2007 das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin publiziert.
Die Neuerscheinung widmet sich dem Trauma des ewig Zweiten hinter den Wiener Philharmonikern. Letztere spielen als selbstverwalteter Klangkörper – ähnlich wie die Berliner und die New Yorker Philharmoniker – eine völlig andere Rolle als die kommunal verankerten Wiener Symphoniker. In dieser „gesellschaftlichen Verankerung in einer Stadt“ erkennt Intendant Jan Nast indes ihre Stärke.
Die 1900 aus dem Wiener Concertverein hervorgegangenen, 1914 mit dem Tonkünstler-Orchester fusionierten Wiener Symphoniker müssen sich keineswegs verstecken. Der Kritiker Wilhelm Sinkovicz sieht in heutigen Sinfonieorchestern eine recht „junge Erfindung“. Er erinnert daran, dass die Wiener Symphoniker in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts Arbeiter-Sinfoniekonzerte organisierten, während die Wiener Philharmoniker noch bis 1970 „elitären Charakter“ zeigten.
Der Historiker Oliver Rathkolb erinnert an Jahrhundertereignisse wie die Uraufführung von Bruckners Neunter oder Schönbergs Gurre-Liedern durch die Wiener Symphoniker. Seit 1946 ist dieser flexible Klangkörper auch als Opernorchester bei den Bregenzer Festspielen, seit 2006 im Theater an der Wien und seit Jüngstem als Residenzorchester in Triest gefragt.
Den Ruf der Donau-Metropole als „Welthauptstadt der Musik“ begründet die Wiener Autorin Monika Mertl auch mit „drei großen Sinfonieorchestern“ – als ob München oder Berlin nicht über ebenso viele und die Metropolregion Ruhr gar über fünf große Sinfonieorchester verfügten. Besonders lesenswert wirkt, was Ernst Kobau über die Veränderung im Verhältnis von Orchester und so unterschiedlichen Dirigenten wie Carlo Maria Giulini, Georges Prêtre, Fabio Luisi oder Philippe Jordan, demokratische Mitsprache, auseinanderklaffende Dienstverpflichtungen, Rivalitäten und wachsende Ansprüche zu berichten weiß. Das treffende Schlusswort gebührt Intendant Nast: „In der Musik ist alles im Wandel.“
Bernd Aulich

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