Werke von Harald Genzmer, Paul Hindemith, Paul Dessau, Henry Purcell und Peter Pichler

Ins Nichts mit ihm – Music against Despots for Mixturtrautonium and Voice

Peter Pichler (Mixturtrautonium), Melanie Dreher (Sopran)

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Neos
erschienen in: das Orchester 6/2026 , Seite 79

Bis zur Erfindung der Elektrizität waren der traditionelle Orchesterapparat und sein ausdifferenziertes Instrumentarium das Maß der Dinge, wenn es darum ging, die Natur „abzubilden“ bzw. in Klänge zu „übersetzen“. In Beethovens Pastorale, um nur dieses Beispiel zu nennen, imitieren Flöten den Gesang der Vögel, während unheimliche Tremoli, grollende Paukenwirbel und schrille Einsätze der Piccoloflöte dem Hörenden eine Gewitterlandschaft vor Ohren zaubern. Als die Welt Anfang des 20. Jahr­hunderts buchstäblich unter Strom gesetzt wurde, veränderte sich damit auch die „Klanglandschaft“. Es war das 1930 von Friedrich Trautwein (in Zusammenarbeit mit Oskar Sala und Paul Hindemith) entwickelte und nach ihm benannte Trautonium, das die ganze Welt der Klänge – und Geräusche! – in seinem komplizierten Inneren barg. Und es waren vor allem die auf diesem Album vertretenen Komponisten, die sich von dem Vorläufer des modernen Synthesizers inspirieren ließen. Hindemith war der erste, der dafür schrieb (u. a. das Concertino für Trautonium und Streichorchester, UA 1931).
Hier hören wir die Sopran-Arie Nr. 4 aus seinem Oratorium Das Unaufhörliche (1931, Text: Gottfried Benn), bei der Peter Pichler alle Orchesterstimmen mit dem Mixturtrautonium spielt (im Unterschied zum Trautonium verfügt das Mixturtrautonium über einen sogenannten Frequenzteiler, mehr Infos dazu im Booklet). Eindrücklicher als diese kurze Arie klingen die Auszüge aus Paul Dessaus Oper Die Verurteilung des Lukullus (1951, Text: Bertolt Brecht), die Pichler hier spielt und aus der auch die Zeile stammt, die der CD ihren Titel gegeben hat: „Ins Nichts mit ihm.“
Zum Höhepunkt des Albums gerät in meinen Ohren allerdings die Kantate für Sopran und elektronische Klänge (1969, Text: Sagen der Gälen und Wikinger) von Harald Genzmer, die hier zum ersten Mal vollständig zu hören ist (in der Schallplattenaufnahme aus den 70er-Jahren fehlte ein Satz; Pichler fand ihn als Handschrift in der Staatsbibliothek München).
Dass das Mixturtrautonium auch Alte Musik bestens adaptieren kann, zeigt Pichler anhand der Arie „When I am laid in Earth“ aus Henry Purcells Oper Dido and Aeneas (ca. 1688, Text: Nahum Tate). Das Instrument imitiert Didos – in absteigender Chromatik verlaufenden – Gang in den Hades. Zum fulminanten Schluss des Albums präsentiert Pichler zwei eigene Kompositionen für „sein“ Instrument: Die sieben Todsünden und Die sieben Tugenden (beide 2024 und ohne Gesang). Bei der „Musik“ handelt es sich um 14 Showpieces, mit denen Pichler sich vollends als Meister und Beherrscher seines surrealen Instruments outet. Suchte man nach einer kongenialen „Vertonung“ von Hieronymus Boschs Triptychon Der Garten der Lüste: Pichlers Die sieben Todsünden wären der passende Soundtrack!
Fazit: Es ist ein irrer Genuss, in die Klangwelt dieses Albums einzutauchen. Einziges Manko: Die Liedtexte fehlen im Booklet.
Burkhard Schäfer

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