Walter Kaufmann

Madras Express/Indian Facades – A Solemn Rhapsody For ­Orchestra/Sinfonie Nr. 2/Dirge

Philharmonisches Orchester Regensburg, Ltg. Stefan Veselka

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Musikproduktion Dabringhaus und Grimm
erschienen in: das Orchester 4/2026 , Seite 78

Zu erinnern ist an Walter Kaufmann (1907–1984), Komponist und Musikethnologe deutsch-jüdischer Herkunft. Nach seiner Ausbildung in Berlin und ersten Aufführungen eigener Werke fand er gerade noch rechtzeitig Gelegenheit, sich 1934 für eine Forschungsreise zu akkreditieren. Sein Ziel war Bombay (jetzt: Mumbai), Indien, wo er zwölf Jahre im Exil lebte, von da aus den Subkontinent erkundend. So erlebte und sammelte er vor Ort Kenntnisse indischer Musik, die er später dokumentierte, analysierte und publizierte. Impressionen seiner regen Mobilität sind per Madras Express hörbar, dessen Ensemble-Lokomotive das Tempo bestimmt, während markante Brass-Motive und typische Timbres lokaler Provenienz Landschaftsreliefs evozieren. Eher betrachtend sind die Indian Facades – A Solemn Rhapsody For Orchestra explizit auf sieben pittoreske Raga-Stationen bezogen, die vor allem narrative Parts für Solo-Oboe und Streicherpassagen haben. So führen orientalisierende Skalenmotive, moderat swingend und prächtige Klänge auffächernd, bis in eine mondäne Palast-Atmosphäre, wo die feierliche Suite zu einem rigorosen Finale kommt.
Gewissermaßen eine Ost-West-Synthese ist die Symphonie Nr. 2, deren Linearität sich elegant mit europäischer Form vereinbart: Auf eine ruhige, aber expressive Klangidylle mit chinesischen (Flöten-)Kolorits und Ritual-Entlehnungen folgt, unklassisch, ein ebenso ruhiger Satz in respektvollen, aber nicht unterwürfigen Gesten auf dunklem Bass. Das fast banal „schnell“ bezeichnete Finale ist allerdings ein in asymmetrischen Figurationen geformter folkloristischer Tanz, der zu energischem Temperament animiert. Diese Sinfonie hat statt thematisch konkurrierender eher linear entwickelnde Qualitäten. Mit einigem Seelenweh werden die Entsagungen des Exils und der Wunsch nach Geborgenheit im Dirge (Klagelied) ohne Hass und Häme reflektiert. Bemerkenswerterweise sublimieren sich da die Gefühle in sanftem Cantus und sehnsüchtigem Streichergepräge. Walter Kaufmann war kein Provokateur – vielmehr seiner Umgebung neugierig zugewandt.
Die angenehm empathische Attitüde seiner Werke hat Stefan Veselka mit dem Philharmonischen Orchester Regensburg bei diesen CD-Premieren respektabel konturiert. Sie sind Reminiszenzen einer vergangenen Ära in Asien, die nun postum durch einst kreative Aneignung in seiner Musik schimmert.
Hans-Dieter Grünefeld

 

 

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