Kai Marius Schabram
Claudio Arrau
Universalist des Klaviers
Der in Chile geborene Pianist Claudio Arrau zählt zu den bedeutendsten Künstler:innen des 20. Jahrhunderts. In Berlin ausgebildet bei Martin Krause, einem der letzten Liszt-Schüler, durchlebte er als junger Mann auch psychische Krisen und emigrierte während des Zweiten Weltkriegs in die USA. Häufig als seriöser und werktreuer Interpret des klassisch-romantischen Kernrepertoires charakterisiert, offenbart er insbesondere in seinen frühen Aufnahmen ein anderes Profil: hochvirtuos, geprägt von außergewöhnlicher Klarheit der Artikulation und einer rhetorisch gestalteten Phrasierung.
Wer sich im deutschsprachigen Raum umfassend über Arraus Leben informieren wollte, griff bislang vor allem zu den 1984 unter dem Titel Leben mit der Musik veröffentlichten Aufzeichnungen von Joseph Horowitz. Die aus Begegnungen und Gesprächen hervorgegangene Darstellung vermittelte zentrale Einblicke in Arraus künstlerisches Selbstverständnis. Ergänzend dienten Ingo Hardens Ullstein-Taschenbuch von 1983 oder die Darstellung in Joachim Kaisers vielfach aufgelegtem Klassiker Große Pianisten in unserer Zeit als wichtige Referenzen. Im englischsprachigen Raum boten insbesondere die 2014 veröffentlichten Piano Lessons with Claudio Arrau von Victoria A. von Arx eine umfassende Darstellung von Arraus pianistischem Denken sowie seiner technischen und philosophischen Auffassung des Klavierspiels. Vor diesem Hintergrund schließt Schabrams Buch eine spürbare Lücke.
Auf rund 200 Seiten zeichnet der Autor das Leben und die künstlerische Entwicklung Arraus nach. Sieben biografische Kapitel wechseln mit sieben Kapiteln über Schwerpunkte seines Repertoires: von Bach und Mozart über Schumann und Liszt bis zur Klaviermusik von Albéniz und Debussy.
Schabram stützt sich auf die vorhandene Literatur und integriert zahlreiche Quellenzitate, darunter auch musikwissenschaftliche Stellungnahmen von Carl Dahlhaus. Die Studie versteht sich weniger als abschließende Deutung des Künstlers denn als Synthese des bislang vorliegenden Forschungsstands. Entsprechend bleiben einzelne Fragestellungen bewusst offen, etwa im Kapitel über die Jahre 1939 bis 1941.
Ein fünfseitiges Literaturverzeichnis sowie der Hinweis auf die bereits vorhandene vollständige Diskografie auf arrauhouse.org ergänzen die Darstellung. Bedauerlich ist lediglich die geringe Zahl der Abbildungen. Insgesamt legt Schabram, der an der Landesakademie NRW und der Universität Münster lehrt, eine klar strukturierte Studie vor, die sowohl als Einführung in Leben und Interpretationsansätze Arraus dient als auch den Forschungsstand übersichtlich zusammenfasst.
Matthias Corvin


