Dmitri Shostakovich
String Quartets Vol. 4
Quartetto Noûs, Quartetto di Cremona
Die Musik von Dmitri Schostakowitsch ist in der Klassikwelt gerade allgegenwärtig. Nicht nur namhafte Orchester, sondern auch zahlreiche Kammermusikensembles hatten rechtzeitig zum 50. Gedenkjahr die bekannten Werke eingespielt. So auch das sich 2011 gegründete Quartetto Noûs, das sich auf die Fahnen schrieb, sich mit diesem bedeutungsreichen, altgriechischen Begriff (νοός bzw. νούς) in der Welt höchster Fähigkeit des Geistes bewegen zu wollen, die aber auch das Gemüt und Herz bewegen soll. Das erfolgreiche Ensemble tritt mit wechselnden Besetzungen auf. Während dieser Aufnahme bestand es aus Jekatarina Walijulina und Alberto Franchin (Violinen), Sara Dambroso (Viola) sowie dem Cellisten Riccardo Baldizzi. Die Anfänge ihrer Schostakowitsch-Produktion, in der auch andere Kammermusiken eingespielt wurden, gehen auf das Jahr 2022 zurück. Und nun kamen erst jüngst die beiden CDs mit den drei letzten Streichquartetten 13 bis 15, die Opera 138 (B-Dur), 142 (Fis-Dur) und 144 (es-Moll), heraus. Dazu erklingen als Gegensatz das erste Streichquartett op. 49, die beiden Stücke für Streichquartett op. 36a sowie das wilde und berüchtigte frühe Oktett op. 11. Für die Verwirklichung dieses relativ kurzen Stücks lud das Ensemble das „Quartetto Cremona“ ein.
Obwohl es Schostakowitsch 1938, in der von Repressionen gezeichneten Stalinzeit, nicht gerade leicht hatte und er sich einige Jahre zuvor mit Vorwürfen wie dem berühmten Zeitungsartikel „Chaos statt Musik“ auseinandersetzen musste, besitzt das Opus 49 eine gewisse, beinahe tröstende Leichtigkeit und Frische, die von dem Ensemble in gepflegter Zurückhaltung, aber sehr liebenswürdig interpretiert wird – im Gegensatz zu den letzten Quartetten. Diese sind gezeichnet von beißenden wie schneidenden Klängen intensivster Art, sind aber zugleich auch elegisch. Sie sind das unter die Haut gehende Markenzeichen des vom Leben und der zerstörerischen Politik des Sowjetregimes gepeinigten Komponisten. Selbst die Tonarten wie b-Moll, Fis-Dur oder es-Moll berühren Grenzen, insbesondere taucht das 13. Quartett sogar in die Welt der Zwölftonmusik ein, die Schostakowitsch zwar lange Zeit vehement abgelehnt hatte, aber nun in seine Tonsprache mit irren Trillerketten, stechenden Pizzicati, Flageoletts und harten Spaltklängen integrierte.
Diese und viele andere sehr experimentelle, für den Zuhörer manchmal kaum auszuhaltende, erschütternde Klänge gibt das Ensemble in seltener Präzision, mit tiefem Ernst und atemberaubender Intensität wieder, wobei der Zuhörer in diese abgründige Welt scheinbar unentrinnbar hineingezogen wird. Die vorliegende Aufnahme bewegt sich im interpretatorischen Ausnahmezustand, der im hellen Licht derzeitiger Aufnahmen erscheint.
Werner Bodendorff


