Dobrinka Tabakova

Sun Triptych

Maxim Rysanov (Viola), Dasol Kim (Klavier), Roman Mints (Violine), Kristina Blaumane (Violoncello), BBC Concert Orchestra, Ltg. Dobrinka Tabakova

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: ECM New Series
erschienen in: das Orchester 3/2026 , Seite 76

Intensive Naturbeobachtungen und deren Transfigurationen in musikalische Rhetorik sind für die britische Komponistin bulgarischer Herkunft Dobrinka Tabakova zugleich Inspiration und Trost. So sind die zirkadianen Sonnenlichtphasen das Sujet des Sun Triptych für Violine, Cello und Streichorchester: Aufsteigende Linien der Soloinstrumente in heiteren Ensemble-Timbres symbolisieren den Aurora-Gang während der Morgendämmerung, wobei sich die Klang-Photonen zum Zenit hin verdichten. Dann breiten sich am hellen Tag emsige Bienen, flatternde Vögel und grünende Wiesen (so der Untertitel) in Tremoli und schwebenden Rhythmen aus. Bewegungen, die sich zum Abend hin sanft an unbestimmtem Horizont quasi nebulös verflüchtigen und auch sinnlich einleuchtend dargestellt werden.
Analog ist das (ursprünglich vokale) Organ Light für Streichorchester wie eine polyfone Andacht vor Altarkerzen. Eine andere Referenz hat die Fantasy Hommage to Schubert für Streicher, nämlich sein „Fantasie-Modell“ (in C-Dur, Original für Violine und Klavier) durch Paraphrase und Eigenmodifikation in modernem Stil rekomponiert. Aus einem Klangband in flimmernden Mikrointervallen lösen sich demgemäß Melodiezellen, verdichten sich per Crescendo – daraus sprießt schließlich in ostentativer Verneigung das verfremdete Lied „Sei mir gegrüßt“ wie ein Bouquet. Naturaffinität zeigt sich hier auf einer Metaebene, indem irdische Performanz zu himmlischer Sphäre gewendet wird.
Gerahmt sind diese orchestralen Tableaux von poetischen Werken für Kammerbesetzung. Das Whispered Lullaby verbindet flüsternden Viola-Cantus mit sich steigernder Intensität und relativ rudimentären Arpeggio-Begleitungen am Klavier. Dessen Rolle ist bei der Suite in Jazz Style allerdings fordernder, wenn Dasol Kim im „Talk“ den Walking-Modus zum kratzigen Viola-Part von Maxim Rysanov ins kapriziöse Intermezzo führt und da zu neoklassischem Stil abschweift.
Romantischer Gestus konfrontiert Nocturnal mit diagonalen Viola-Bluenotes , und sie treffen sich mit vitalen ungeraden Folkmetren beim perkussiven „Dance“, dessen Emotionen ungezügelt aufbrausen. Jazz ist hier bestenfalls eine Ressource oder eine Attitüde, um eine Haltung zum Leben ins Visier zu nehmen. Etwas verändert ist diese Beziehung, auch zur Folklore, die evident bleibt, in Spinning a Yarn, ein simultaner Dialog für Violine und Drehleier, den Roman Mints souverän wie eine Improvisation mit reibenden Timbres aus nicht temperierter Stimmung zelebriert.
Fazit: Die Attraktivität der Musik von Dobrinka Tabakova manifestiert sich in Dichotomien oder Gabelungen eigentlich komplexer Motive.
Hans-Dieter Grünefeld

 

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