Henriëtte Bosmans

Sonate für Violoncello und Klavier

hg. von Andreas Pernpeintner, mit einem Vorwort von Helen H. Mezelaar, bearb. von Julian Riem und Raphaela Gromes, Urtextausgabe

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: G. Henle Verlag, München
erschienen in: das Orchester 3/2026 , Seite 71

Fortissima lautet der Titel einer eindrucksvollen Publikation, gemeinsam geschrieben von der Cellistin Raphaela Gromes und der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka: Das Buch gibt Einblicke in Leben und Werk bedeutender Komponistinnen und sendet zudem ein Signal an unser aller kulturelles Gedächtnis, das immer noch geprägt ist durch (männergenerierte) Verdrängung großer Leistungen von Künstlerinnen oder – fast noch schlimmer – durch das Pseudo-Kompliment, Komponistin XY schreibe ja „fast wie ein Mann“.
Fortissima erschien 2025 flankierend zu einer grandiosen Doppel-CD: Gemeinsam mit ihrem Klavierpartner Julian Riem und dem Deutschen Sinfonie-Orchester hat Raphaela Gromes hier Werke von Komponistinnen zum Teil ersteingespielt.
Auch die Cellosonate von Henriëtte Bosmans (1895-1952) ist Teil dieses Repertoires. Das Werk entstand im Auftrag des Cellisten Marix Loevensohn und wurde von ihm und der Komponistin im September 1919 uraufgeführt. Zu dieser Zeit wirkte Bosmans als Klavierpädagogin in Amsterdam. Ihre Kompositionen wurden vom Publikum enthusiastisch aufgenommen, wiewohl sich deren Stilistik vom spätromantischen Gestus zu einem strukturbetonten Idiom mit neoklassizistischen und impressionistischen Einflüssen wandelte. Schicksalsschläge – der frühe Tod ihres Ehemanns, des Geigers Francis Koene, sowie ihre Diskriminierung als sogenannte Halbjüdin während der NS-Okkupation – ließen sie kompositorisch ab den 30er-Jahren verstummen. Erst nach dem 2. Weltkrieg entstanden noch wenige Werke.
Am Beginn der Sonate steht ein mächtiges, weit ausschwingendes Cellothema, hochromantisch in seinem modulatorischen Weg, zugleich durch seine punktierten Rhythmen an barocke Ouvertüren gemahnend. Das Klavier kontrapunktiert mit donnernden Glocken-Akkorden. In starkem Kontrast hierzu steht das sehnsuchtsvoll-tristanisierende zweite Thema. Es folgen: ein nocturne-artiges Allegretto, ein kurzes, wiewohl expressives Adagio und ein sehr origineller, rhythmisch akzentuierter Finalsatz im 5/4-Takt … die 20er Jahre stehen vor der Tür!
Der Klavierpart ist sehr anspruchsvoll und zeigt Bosmans professionelle Pianistinnen-Hand. Auch der Cellopart stellt einige Anforderungen: Das Kernrepertoire des späten 19. Jahrhunderts sollte man „im Griff“ haben.
Die Urtextedition folgt im Wesentlichen der Erstausgabe. Zwei handschriftliche Quellen, darunter eine autografe Version der Cellostimme, kamen als Vorlagen kaum in Betracht: Obwohl Letztere nachweislich von Bosmans’ Hand stammt, sind die Unterschiede zur gedruckten Ausgabe beträchtlich. Möglicherweise gibt sie ein früheres Stadium der Werkentstehung wieder.
Ein – ohne Umschweife – großes Werk der Celloliteratur! Zugreifen!
Gerhard Anders

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