Bernd Buchner

Wagners Welttheater

Zur Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst, Politik und Religion. Wagner in der Diskussion Bd. 25

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Könighausen & Neumann, Würzburg
erschienen in: das Orchester 3/2026 , Seite 68

Unmengen von Veröffentlichungen haben dazu beigetragen, dass die Wagner-Literatur ins Gigantische anwuchs. Weit mehr als 100000 Titel verzeichnet die 2019 (von der Universitätsbibliothek Rostock) herausgegebene, opulente Bibliografie zu Leben und Werk Richard Wagners. Dennoch schwankt die Wagner-Literatur „zwischen ausschweifendem Reichtum und irritierenden Erkenntnislücken“, wie Bernd Buchner in der – soeben veröffentlichten – bis zur Gegenwart fortgeschriebenen und durch Recherchen in zahlreichen Archiven erweiterten Neufassung seines erstmals im Wagnerjahr 2013 erschienenen Buchs konstatiert.
Sein Anliegen: Die Forschung habe „sowohl die ideologische Wirkungsgeschichte des Komponisten als auch die politischen Implikationen der Festspiele lange Zeit nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt“. Daher ist eine „politische Festspielgeschichte“ sein erklärtes Ziel. Er will nicht primär über den Komponisten und den Theatermann Wagner schreiben. Wagner hat sein Theater als politische Waffe betrachtet und die Tonkunst zu seinen Zwecken benutzt als „gewaltigstes Mittel der Erregung und Wirkung“ (Alfred Einstein). Das Bayreuther Unternehmen war von Anfang an mehr als nur „ein Tempel des Musiktheaters“, es war „ein Abbild der gesellschaftlichen Zustände in Deutschland“, Bayreuth war „eine Probebühne für Deutschland.“ Entstanden sei diese Probebühne aus dem Geist der Bürgerlichkeit. Wagner war ein bürgerlicher Revolutionär. Die „hohe Frau“ und Wagnerwitwe Cosima sei verantwortlich gewesen für wilhelminische Wagneridolisierung und -verfälschung mit der Annäherung an Rassismus und Antisemitismus. Auch habe sie den Parsifal in den Dienst einer bizarren Bayreuther Theologie gestellt und sie hat ideologisch „Hitlers Hoftheater“ vorbereitet.
Aber auch die Nachkriegszeit, „Neubayreuth“, „Demokratie und Regietheater“ wird kritisch beleuchtet, die Wagner-Familie wird als eine Art pseudofeudale Dynastie charakterisiert und Deutschland wird in schöner Kontinuität als „einig Wagnerland“ bezeichnet. Von neuen alten „Wagnerianern“ ist die Rede, aber auch von den Wolfgang-Nachfolgerinnen und der von ihnen neu erfundenen Festkultur samt fragwürdiger Zeitgeist-Anbiederung. „Opportunismus“ sei schon immer die „Überlebensversicherung“ der „Bayreuther Repräsentanten“ gewesen. Heute sei Bayreuth ein „Gegenmodell der Liebe“, so Oswald Georg Bauer.
Gut gemeinte Worte. Doch Maurice Barrès schrieb schon 1886: „Gerade in Bayreuth ist man, sagen wir es deutlich, am weitesten von Wagner entfernt.“ Wagner selbst bekannte 1881, dass „Bayreuth“ vielleicht doch ein „großer Irrtum“ gewesen sei.
Dieter David Scholz

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