Werke von Erich Zeisl, Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinsky, Henriette Bosmans

Sehnsucht/Longings

Kunstlieder jüdischer Komponisten zwischen Wien und Amsterdam. Äneas Humm (Bariton), Renate Rohlfing (Klavier)

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Rondeau
erschienen in: das Orchester 2/2026 , Seite 75

Zwei Liedalben in einem Jahr herauszubringen, ist ungewöhnlich genug. Aber der Schweizer Bariton Äneas Humm hat dabei auch noch unbekanntes Repertoire ausgegraben. Waren bei Libertas schon mit Liedern von Amy Beach und Joseph Marx neben welchen von Franz Schubert und Ludwig van Beethoven echte Entdeckungen dabei, hat Humm für sein aktuelles Album Sehnsucht zwanzig „Kunstlieder jüdischer Komponisten zwischen Wien und Amsterdam“ zusammengestellt. Anstatt seiner gewohnten Liedbegleiterin Doriana Tchakarova sitzt die hawaiianische Pianistin Renate Rohlfing am Klavier, die der Bulgarin aber in Sachen Sensibilität und Farbvielfalt in nichts nachsteht.
Alle drei Komponisten – Erich Zeisl, Arnold Schönberg und Alexander Zemlinsky – waren Vertriebene, die vor den Nationalsozialisten in die USA flüchteten. Nur Henriëtte Bosmans (1882–1952) blieb in den von den Deutschen besetzten Niederlanden. Dort schrieb sie 1949 nach dem Tod ihrer Mutter vier Lieder auf französische Texte von Paul Fort, die harmonischen Reichtum mit atmosphärischer Dichte verbinden. Le regard éternel bewegt sich von der Ruhe eines Orgelpunkts aus zu emotionalen Spitzen, die Äneas Humm mit seinem metallisch werdenden Bariton härtet. Le diable dans la nuit verbreitet Unruhe.
In den 1930er Jahren galt Erich Zeisl (1905–1959) in Deutschland als Hoffnung gemäßigter Moderne, bevor er 1938 in die USA floh. Das trunkene Lied nach dem Text von Friedrich Nietzsche, den auch Gustav Mahler in seiner dritten Symphonie vertonte, gestaltet Humm mit langen Phrasen und großer Stimme. Das wütende, von Eifersucht durchdrungene Letzter Tanz wird mit Furor gespielt und gesungen. Aber auch die feinen, humoristischen Lieder Ein ganzes Leben (der Eintagsfliege) und Der Weise (Esel) gestalten Humm und Rohlfing so plastisch wie amüsant. Pathos und ein direkt orchestraler Klavierpart kennzeichnen Arnold Schönbergs 1898 komponierte Zwei Gesänge op. 1. Das elfminütige Lied Abschied nach einem Gedicht von Karl von Levetzow geht in die dynamischen Extreme. Ein wenig schade ist, dass Äneas Humm bei diesem Album zu häufig seinen klangschönen Bariton stählt, um mit durchdringender Bruststimme emotionale Höhepunkte zu markieren. Hier wünscht man sich noch mehr Nuancen im Fortebereich.
Alexander Zemlinskys kurze, meist zarte Lieder bieten Gelegenheit zur Differenzierung: Humms Mezzavoce in Geflüster der Nacht trifft auf eine ganz helle Farbgebung im ganz legato gespielten Klavier. Das erzählerische Empfängnis hat eine große Ausdrucksbreite. Hier wie auch in den übrigen Liedern glänzt Humm mit ausgezeichneter Textverständlichkeit und natürlicher Phrasierung. Man darf gespannt sein, welchen Liederschatz er als Nächstes ausgräbt.
Georg Rudiger

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