Werke von Luise Adolpha le Beau, Josephine Lang, Ethel Smyth, Clara Schumann, Fanny Mendelssohn-Hensel u. a.

Unerhörte Komponistinnen

Werke für Chor a cappella. Ensemble Horizons, Ltg. Matthias Klosinski

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Genuin
erschienen in: das Orchester 2/2026 , Seite 74

Diese CD öffnet die Sinne für die alte Universitäts- und Musikstadt Tübingen. Und zwar über einen besonderen Weg: Alle überwiegend geistlichen Musikstücke stammen von Frauen, alle sind kurz (ca. 1 bis 8 Minuten) und alle sind Chorwerke ohne Instrumente – wie ja seit dem 19. Jahrhundert die Übersetzung von „a cappella“ verstanden wird. Neun der insgesamt 15 Stücke sind Ersteinspielungen.
Das Programm wurde 2023 für das 1. Tübinger Komponistinnen-Festival erarbeitet und stellt die Komponistin Josephine Lang (1815–1880) ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie lebte und wirkte in Tübingen und war Sängerin an der Bayerischen Hofkapelle. Das Booklet klärt auf: Langs Spezialität waren homofone Strophenlieder für Chor auf Gedichte ihres Ehemannes. Chorwerke spielten allerdings nur eine untergeordnete Rolle in ihrem Werk – wie schon bei Schumann und Mendelssohn. Ihnen wurden in der engeren Gemeinschaft von Familie und Freundeskreis zwar Anerkennung zuteil, aber in ein breiteres Publikum in Konzert oder Oper konnten sie sehr selten vorstoßen.
Neben den in gesellschaftlichen Nischen wirkenden Frauen sind auf der CD mit le Beau und Smyth auch erfolgreicher wahrgenommene Komponistinnen vertreten. Und die beiden jüngsten Vertreterinnen aus Ungarn und Russland – Iris Szeghy und Galina Grigorjewa – haben ohnehin schon international Beachtung gefunden. Dennoch: Der sprachspielerische Titel der CD erinnert daran, dass große Begabungen unter den weiblichen Kreativen oft unausgeschöpft geblieben sind.
Ein guter Grund also, sie in die erste Reihe zu holen. Ein Eindruck von den charakteristischen Zügen der Musik oder dem persönlichen Stil der Komponistinnen lässt sich allerdings schwer gewinnen, weil die Stücke sehr kurz sind. Was unfreiwillig sogar Vorurteile bestätigen kann: Frauen beherrschen nur die kleine Form in der Musik. Zur Kürze kommt die Auswahl der Musik. Beim Zuhören entstand für mich das Hörbild übergroßer Ähnlichkeit der verschiedenen Stücke – das ermüdet und lässt die Aufmerksamkeit für Differenzierungen sinken.
Ausgenommen davon sind nur die beiden Beispiele aus dem 21. Jahrhundert. Hier findet man Feinheiten, die die Mitglieder des Kammerchors des Ensemble Horizons zweifellos beherrschen und dafür von Stammpublikum und Kritik besonders geschätzt werden. Unter der künstlerischen Leitung ihres Gründers Matthias Klosinski arbeitet das Ensemble oft projektbezogen und interpretiert Musik von der Gregorianik bis heute in Konzerten, Schulen, Kirchen und entwickelt in Theatern Text-Musik-Gesamtkunstwerke.
Kirsten Lindenau

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