Enno Poppe
„Körper“ für Ensemble / „Gold“ für gemischten Chor a cappella
Ensemble Modern, SWR Vokalensemble, Ltg. Enno Poppe und Marcus Creed
Der 1969 geborene, renommierte deutsche Komponist Enno Poppe beschränkt sich in seinem umfangreichen Schaffen auf plakativ wirkende Ein-Wort-Titel, die zum Zentrum des jeweiligen Werks führen, aber nicht einer Vielschichtigkeit entbehren.
Körper ist im Auftrag des Klangkörpers Ensemble Modern und der Kölner Philharmonie (Köln/Musik) entstanden und wurde 2021 fertiggestellt. Poppe hat durch die Wahl der Besetzung, die einer Bigband entspricht, den Klangkörper vorgeformt, ohne ihn jedoch im Werk selbst in seiner Idiomatik erklingen zu lassen. In vier ausgedehnten Abschnitten entfaltet er ein kontinuierliches Klangspektrum, das sich im ersten Teil zunächst rhythmisch furios entfaltet, dann leicht vibrierende Einzelstimmen einbezieht, die sich mit Energie zur Vielstimmigkeit steigern, die dann wieder aufgegeben wird. Der zweite Abschnitt – quasi ein langsamer Satz – lässt die Zeit mit dunklen Einzellinien, die glissandierend unzählige Nuancen erzeugen, ruhiger fortschreiten, immer umgeben von dezent differenzierten Drumset-Aktionen. Der dritte Abschnitt beginnt mit improvisatorisch anmutenden Partien, die von der zu Poppes Tonsprache gehörenden Variantentechnik abgelöst werden. Der vierte Abschnitt setzt verhalten mit punktuellen Aktionen ein, dann zeigt sich in einem mehrminütigen, gedehnten, kleinschrittigen Steigerungsprozess – grundiert von durchsichtigen Schlagzeugklängen – Poppes Formwille in der Motivabwandlung, die jeder Phase seiner Musik eine Struktur verleiht. Am Ende kommt es mit repetierenden Akkorden schnell zu einer Auflösung. Der Komponist erzielt in Körper mit größtenteils konventioneller, aber äußerst virtuos eingesetzter Spieltechnik eine spannende, klangfarbenintensive Komposition, vom Ensemble Modern unter der Leitung des Komponisten hervorragend verkörpert.
Auf anderem Terrain bewegt sich die zweite Komposition der CD mit dem Chorwerk Gold (2006/2013) für gemischten Chor a cappella, dem Texte von Arno Holz (1863–1929) zugrunde liegen, dessen Werk Poppe schon lange vertraut ist. In Gold respektiert Poppe die semantische Ebene der Sprache und verzichtet weitgehend auf die Zergliederung von Wörtern und geräuschhafte Elemente.
Drei Texte von Arno Holz werden vertont: Zunächst Moderne Walpurgisnacht für 16-stimmigen, intensiv deklamatorisch agierenden Chor aus Die Blechschmiede. Es folgen Silber für zwei Sopranstimmen aus Phantasus und Notturno aus dem gleichen Gedichtband für 16 Solostimmen und achtstimmigen Chor. Das SWR Vokalensemble unter Marcus Creed ist der ideale Klangkörper, der Poppes Vertonung hörbar verinnerlicht hat.
(Kein Genuss ist das Mitlesen der Gedichttexte im Booklet in viel zu kleiner Schriftgröße!)
Heribert Haase


