Camille Saint-Saëns
Violin Concertos & Pieces
Leia Zhu (Violine), ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Ltg. Howard Griffiths
Der Titel dieser Produktion mit konzertanten Werken für Violine und Orchester von Camille Saint-Saëns irritiert – ist hier doch dezidiert von „Complete Concertos“ die Rede. Dass es sich dabei offensichtlich um den ersten Teil einer bislang erst zwei CDs umfassenden Gesamteinspielung sämtlicher konzertanter Kompositionen von Saint-Saëns handelt, wird allerdings nicht präzisiert. Potenzielle Käufer:innen könnten dadurch zu dem Gedanken verleitet werden, sämtliche Werke für Violine und Orchester in Händen zu halten, obgleich gerade einmal die Hälfte der entsprechenden Kompositionen versammelt ist.
Sieht man einmal von dieser unpräzisen Angabe ab, liegt hier eine beachtliche und empfehlenswerte Einspielung vor, die dazu beitragen könnte, dem bislang eher vernachlässigten Teil von Saint-Saëns’ Violinœuvre stärkeres Profil zu verleihen. Damit sind vor allem die beiden im Zentrum der CD stehenden Violinkonzerte Nr. 1 A-Dur op. 20 und Nr. 2 C-Dur op. 58 gemeint, die den Komponisten als einen durchaus experimentierfreudigen Tonsetzer ausweisen, dessen Schöpfungen sich vor anderen, weitaus bekannteren konzertanten Kompositionen dieser Zeit nicht verstecken müssen.
Mit großem Nuancenreichtum und vielen Feinheiten in Bezug auf Klanggebung und dynamische Abstufungen nähert sich die Geigerin Leia Zhu dem formal originellen A-Dur-Konzert, dessen Verschränkung von dreiteiliger Liedform und einsätziger Anlage sie durch rhythmisch federndes und von feinen Rubati durchzogenes, bisweilen auch deklamatorisch anmutendes Spiel zu einer kompakten Einheit zu formen weiß. Im wesentlich ausgedehnteren C-Dur-Konzert nähert sie sich gleichfalls immer wieder einem sprachnahen Tonfall an, um auch die virtuosen Momente artikulatorisch einzufärben. Bereits der Soloeinstieg in den Kopfsatz, mit auftrumpfendem Gestus über leise trommelnden Orchesterakkorden angestimmt, lässt aufhorchen, weil er in der Wiedergabe eine regelrechte Sogwirkung entfaltet.
Besonders gelungen sind darüber hinaus all jene Passagen, in denen Leia Zhu den Solopart zugunsten eines gleichberechtigten Dialogisierens zwischen Violine und Kollektiv zurücknimmt und damit Saint-Saëns’ kunstvollem Umgang mit dem Orchester Raum gibt. Auch wenn dieser Aspekt in der vorliegenden Umsetzung nicht immer zu vollem Recht kommt und Howard Griffiths’ Umgang mit dem Orchester durchaus differenzierter sein könnte, ist das Ergebnis ausgesprochen lohnend.
Umrahmt werden die beiden Konzerte von zwei bekannteren Violinwerken des Komponisten: der Havanaise E-Dur op. 83 und dem Konzertstück Introduction et Rondo capriccioso a-Moll op. 28. Auch hier überzeugt die Geigerin durch eine makellose technische Umsetzung, auf deren Grundlage sie die häufigen Umschwünge der Musik gekonnt zu Stimmungskontrasten modelliert und in übergreifende Entwicklungen einbettet.
Stefan Drees


