Franzpeter Messmer
Drei Sonaten und drei Partiten BWV 1001-1006
für Violine solo, eingerichtet für Viola solo, hg. von Chung Park
TRansponiert
Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo lassen sich auch auf der Viola spielen. Das beweisen Virtuosen wie Atilla Aldemir oder Wenting Kang im Konzertsaal und auf CD. Bachs Solosonaten müssen eine Quinte tiefer transponiert werden, damit sie auf der Bratsche gespielt werden können. Dadurch klingen sie sonorer. Die tiefen Töne wirken so mehr wie ein richtiger Bass.
Diese Kompositionen sind nicht nur Stücke für den Konzertsaal, sondern ebenso für das spieltechnische und musikgestalterische Training. Wer den Gipfel des Violinspiels erreichen will, muss sie studieren – und das gilt ebenso für das Bratschenspiel, das in den letzten Jahrzehnten hinsichtlich der Virtuosität aus dem Schatten der Geige herausgetreten ist.
Schon seit längerem gibt es Ausgaben der Sonaten und Partiten in einer Bearbeitung für Viola von älteren Pionieren des Violaspiels wie Enrico Polo bei Ricordi oder Simon Rowland-Jones bei Peters. Sie versuchten in ihren Ausgaben den Spieler:innen Hilfestellungen zu geben, schlugen Bogenstriche oder Fingersätze vor, was aber auch ein Eingriff in die Interpretation sein kann.
Die neue Ausgabe des Bärenreiter-Verlags stützt sich auf die Urtextausgabe Peter Wollnys in der ebenso bei Bärenreiter erschienenen „Neuen Ausgabe sämtlicher Werke“. Der Herausgeber Chung Park musste im Wesentlichen nur die Kompositionen um eine Quinte tiefer transponieren. Ansonsten änderte er nicht viel am Urtext; so ergänzte er Bindebögen analog zum bestehenden Verlauf, was er durch eine Strichelung anzeigt. Änderungen der Dynamik oder Triller bezeichnet er durch eckige Klammern. Allerdings habe ich solche Änderungen nicht gefunden.
Diese Ausgabe ist puristisch; sie begnügt sich mit dem „nackten“ Notentext, ist im Grunde ein besser lesbares Autograf, das für die Bratsche transponiert wurde. Das hat Vorteile für erfahrene Interpret:innen, denn sie können sich ihre eigene Interpretation erarbeiten. Wenn sie allerdings editorische Fragen haben, müssen sie in die Bibliothek gehen und in der „Neuen Ausgabe sämtlicher Werke“ nachschlagen, denn ein ausführliches Vorwort oder Kommentare zur Edition spart sich der Verlag in der Viola-Ausgabe. Doch er spart sich auch eine zweite Violastimme mit Fingersätzen oder Hilfestellungen für das Spiel von Akkorden oder Arpeggien, wie dies der Henle Verlag bei seiner Ausgabe der Solosonaten für Violine macht, die nur acht Euro mehr kostet.
Sicherlich ist es sehr verdienstvoll, dass nun auch Violaspieler die Sonaten und Partiten im Urtext kaufen können. Doch wären mehr Informationen hilfreich gewesen, auch um die Zielgruppe zu erweitern und den Zugang zu dieser wunderbaren Musik zu erleichtern.
Franzpeter Messmer


