Heinz Holliger
Streichquartett Nr. 2
für 2 Violinen, Viola und Violoncello
Im Vorwort zur vorliegenden Ausgabe seines 2. Streichquartetts begründet Heinz Holliger die lange Dauer zwischen der Komposition des ersten und zweiten Beitrags zu dieser Königsdisziplin der Kammermusik. Einschüchternd und lähmend nennt er die großen Streichquartette, er sieht die Werkgattung gar als „schwer belastet von Geschichte“. Dabei hat Holliger selbst schon mit seinem ersten Streichquartett Anfang/Mitte der 1970er Jahre viel Aufmerksamkeit erhalten, ja vielleicht sogar ein kleines Stück der so beeindruckenden Musikgeschichte selbst mitgeschrieben.
Sein zweites Quartett ist nicht minder beeindruckend: Wirkt es zum einen in seinen Strukturen und Klängen überaus bedacht, so ist es zum anderen aber auch ein Stück äußerst frischer zeitgenössischer Kammermusik voller Spannung und Dramatik. Die vier Streicher sind mehr denn je zu einem einzigen Organismus verschmolzen, atmen und erzählen mit einer Stimme. Etwas verwischt werden die hörbaren Abgrenzungen der Saiteninstrumente nicht nur durch die geforderten Spielweisen mit vielen Flageoletts, Tremoli und anderen flimmernden Klängen, sondern auch durch die Skordatur aller vier Streicher.
Heinz Holliger lässt in seinem 2. Streichquartett durch extreme Kontraste im Klang eine sehr große Dynamik und Dramatik entstehen. Gleißendes Licht, alle Nuancen von Schatten und kantige Übergänge bestimmen die sechs gar nicht so stark voneinander abgegrenzten Abschnitte. Die Tempoverschiebungen sind dabei teilweise sogar eher als Klangänderungen wahrzunehmen, so stark greifen die Gestaltungsebenen ineinander. Weder die in den Überschriften zu den einzelnen Abschnitten genannten Zitate von Hölderlin und Celan noch Bezeichnungen wie Kanon oder Perpetuum Mobile geben dem Hörer wirklich Anhaltspunkte zur Interpretation des 2008 uraufgeführten Quartetts an die Hand. Wenn man sich allerdings auf die vieldimensionalen musikalischen Welten Holligers einlässt, entwickelt diese Musik etwas von einem Sog und einer Spannung, die erst ganz am Ende in ruhigen Bahnen ausklingt.
Spieltechnisch stellt Heinz Holliger seine beiden Violinen, die Bratsche und das Cello vor enorme Herausforderungen. In seinem 2. Streichquartett muss vor allem in der Koordination zwischen den Stimmen alles gegeben werden, um eine größtmögliche musikalische Einheit zu schaffen. Feinste tonliche Verästelungen bis hin zu schärfsten Akzenten müssen dabei vom Ensemble der vier Streicher in einen über rund 25 Minuten nicht abreißenden erzählerischen Fluss integriert werden – bevorzugt, ohne allzu große instrumentale Individualität zu entwickeln.
Daniel Knödler


