Stefan Moster
Vom Glück im Chor zu singen
Endlich gibt es ein allgemein verständliches Buch über alle wesentlichen Aspekte des Singens im Chor: körperliche und seelische, historische und religiöse, soziale und politische, textliche und nicht zuletzt auch musikalische. Verfasst hat es Stefan Moster, geboren 1964 in Mainz in eine Familie, in der man – wie er selbst sagt – „dem Chorgesang gar nicht entkommen konnte“. Seine Haltung zu diesem Gegenstand ist im Prinzip wohlwollend und heiter, wenn nötig aber auch kritisch oder gar ironisch.
Einen Unterschied zwischen Laien- und Profichören macht der Autor zunächst einmal nicht. Damit dürfte er den größten Teil des Publikums abholen, denn der Laienchorgesang in Deutschland gehört zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO, der zufolge es hierzulande mindestens 60 000 Laienchöre gibt, die jährlich über 300000 Konzerte für rund 60 Millionen Zuhörende veranstalten (dabei nicht selten begleitet von Mitgliedern professioneller Orchester). Chorkonzerte werden „als niedrigschwelliger und weniger elitär wahrgenommen als Sinfoniekonzerte.“ Dem Autor ist aber aufgefallen, dass „professionelle Chöre bunter gemischt sind, weil sich Sänger und Sängerinnen aus der ganzen Welt für sie bewerben, mit dem ausdrücklichen Wunsch, die Aufführung europäisch geprägter A-cappella-Musik zu ihrem Beruf zu machen.“ Man staune, wenn „Profis zum Beispiel ein in sechzehn Stimmen unterteiltes mikrotonales Werk wie Lux aeterna von György Ligeti so sicher zu Gehör bringen, als sagten sie altbekannte Gedichte in ihrer Muttersprache auf.“
Neben vielen Grundlagen bietet dieses ebenso einfache wie brillante Buch auch einige interessante Beobachtungen. So meint Moster, das Credo von Arvo Pärt sei bei seiner Uraufführung in Tallinn im Herbst 1968 – also kurz nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings – gerade deshalb für die sowjetischen Behörden zum Skandal geworden, weil das Publikum sich begeistert davon angesprochen fühlte, und dies wiederum, weil daran ein Chor teilnimmt – nur ein solcher könne nämlich den „Willen der Vielen“ zum Ausdruck bringen.
Leider finden sich auch einige wenige fachliche Fehler, vor allem bezüglich von vor 1800 entstandener Musik. Johann Friedrich Fasch war kein „Schüler“ von Johann Sebastian Bach, sondern ein nur drei Jahre jüngerer Kollege auf Augenhöhe (Bach verbeugte sich sogar künstlerisch vor Fasch, indem er einen von dessen Triosätzen für Orgel bearbeitete, aus FaWV N:c2 wurde BWV 585). Und die Uraufführung des Oratoriums Messiah HWV 56 von Georg Friedrich Händel in Dublin war nicht nur eine „Voraufführung“, sondern ein dortiges Auftragswerk.
Ingo Hoddick


