Louis Spohr

The Romantic Room. Chamber Works by Spohr

WDR Sinfonieorchester Chamber Players

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Pentatone
erschienen in: das Orchester 1/2026 , Seite 78

Louis Spohr, das ist so etwas wie ein Elefant im Raum. Man weiß schon, wer er war, lässt aber lieber die Finger von ihm. Von 1822 bis zu seinem Tode 1859 pilgerten Musiker aus ganz Europa nach Kassel, um bei dem virtuosen Geiger und Hofkapellmeister zu lernen oder ihn zu treffen. Danach wurde er schnell weitgehend vergessen. Woran dieses Urteil liegt, darüber kann man lange räsonieren. Seit damals erscheinen seine Werke – mit wenigen Ausnahmen wie den Oratorien, den Klarinettenkonzerten, dem originellen Nonett – bis heute kaum auf Spielplänen und Programmzetteln. Um den Komponisten „am Leben“ zu halten, sind deshalb Projekte wie diese Edition von unschätzbarem Wert.
Spohrs Kammermusik ist von imponierendem Umfang. Nicht weniger als 36 Streichquartette hat der Komponist und Geiger geschaffen, daneben viele Werke für Streicherbesetzungen, für gemischte Ensembles, auch Sonaten, Duos für Violine und Harfe und anderes. 21 Mitglieder des WDR Sinfonieorchesters haben sich von 2022 bis 2024 zusammengefunden, um auf sechs CDs dreizehn Werke für Streicher einzuspielen. Es sind dies alle vier Doppelquartette (zwei einander gegenübergestellte Streichquartette), alle sieben Streichquintette (zwei Geigen, zwei Bratschen, Cello), außerdem das höchst originelle Potpourri-Sextett op. 22 mit Kontrabass über Themen Mozarts und das sehr gelungene Streichsextett op. 140 (zwei Geigen, zwei Bratschen, zwei Celli).
Man hat Spohr nach seinem Tod oft Rückwärtsgewandtheit vorgeworfen. Meint man es nicht abwertend, ist es vielleicht nicht einmal falsch, denn der Komponist schreitet in seinen Werken zwar voran, schaut aber stets hörbar auf die große Zeit der Haydn-Mozart-Klassik zurück. Wenn das mit einer solchen Brillanz, mit formaler Geschlossenheit, mit reichlich Esprit geschieht, wie hier zu hören, was soll man dann dagegen haben?
Spohrs Stil hat einen großen Wiedererkennungswert. Wer einmal die Faktur verinnerlicht hat, der wird auch unbekannte Werke sofort wiedererkennen. Eine drängende Chromatik gehört zum Typischen, vor allem aber die sehr oft dominante erste Geigenstimme – die Spohr für sich selbst schuf. Der beachtliche Schwierigkeitsgrad lässt wohl manch einen zurückschrecken. Nicht so die Musiker:innen vom WDR. Die künstlerische Qualität der Aufnahme ist unbestritten, der transparente Klang irgendwo zwischen Klassik und Romantik ist hervorragend eingefangen. Die Musikerinnen und Musiker haben nicht nur offenbar Feuer an den Aufgaben gefangen, sondern sich, um die Sache nicht zu einfach zu gestalten, zudem einen Spaß daraus gemacht, nie zwei Stücke mit jeweils denselben Musiker:innen anzugehen.
Wer sich in diese Werke vertiefen möchte, dem sei geraten, sich ihnen dosiert zu nähern: ein Werk pro Abend mit voller Aufmerksamkeit, das erbringt ein schönes Hörvergnügen für Entdecker. Diese CD-Box ist eine große Tat!
Johannes Mundry

Page Reader Press Enter to Read Page Content Out Loud Press Enter to Pause or Restart Reading Page Content Out Loud Press Enter to Stop Reading Page Content Out Loud Screen Reader Support