Enjott Schneider

Movie Themes Made in Germany, Orchestral Scores

Andreas Skouras (Klavier), Friedemann Eichhorn (Violine), Inga ­Balzer-Wolf (Sopran), WDR Funkhausorchester, Ltg. Frank Strobel

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Solo Musica
erschienen in: das Orchester 1/2026 , Seite 78

Enjott Schneider hält zu seinem 75. Geburtstag Rückschau auf ein intensiv gefülltes Musikleben. Dabei erweist er sich gleichermaßen als Pragmatiker und als Esoteriker, der vom „Wunder der Filmmusik“ spricht. Der Münchner meint allerdings nicht Filmmusiken an sich, sondern deren Funktion innerhalb aller Parameter, welche einen Film ausmachen: „Filmmusik weiß stets mehr als das, was im Bild vor sich geht: Wie in einem magischen Vorgang verbindet sie Personen untereinander, verknüpft vergangene Erinnerung mit Zukunft und Hoffnung. Sie ist eine Zauberin, die jedem Bild und jeder Situation ein charakteristisches Timbre verleihen kann.“ Schneiders ästhetisches Axiom, dass Musik (generell) mit Hoffnung verbunden sei, trifft vor allem auf ihn selbst zu. Sein Kollege Hans Zimmer, ein Guru internationaler Filmmusik, ist da mit seinen im Turboflow auf die filmischen Bilder einpeitschenden Rhythmen gewiss anderer Meinung.
Für dieses Hommage-Album wurde ein buntes Spektrum von Schneiders Filmmusiken seit Beginn seiner Karriere symphonisch aufbereitet. In der Suite Movie Themes Made in Germany vereint Schneider das thematische Basismaterial zu Wildfeuer, Stalingrad, Rama Dama und Herbstmilch. Hier fällt auf, mit welch hoher Präsenz Schneider in Hinblick auf die Entwicklung seiner melodramatischen Synergie an der deutschen Filmproduktion beteiligt war. Was er nicht erwähnt: Für seinen Anspruch, den Sinn eines Films optimal mitzuentwickeln, erweist Schneider sich als souveräner wie chamäleonartiger Eklektiker mit den hypnotischen Fähigkeiten eines Schlangenbeschwörers. Denn natürlich muss er die Hörenden bei ihrem musikalischen Erinnerungsspektrum einholen und spielt dafür mit suggestiven Klangassoziationen. Manches klingt wie hingetupfter Debussy und zu Silent Shadows gestaltete Schneider aufgrund inhaltlicher Analogien eine musikalische Paraphrase über Teile aus Verdis La traviata. Trotzdem ist er kein Usurpator wie Ennio Morricone, der mit seinen Melodien manche Filmstellen überflutet und die Emotion alles überragen lässt.
In der Einspielung unter Frank Strobel, dem Filmmusik-Archäologen und -Propagandisten schlechthin, kommen diese Werke mit dem WDR Funkhausorchester optimal zum Klingen. Deshalb beinhalten die in für den Konzertsaal geschaffenen Adaptionen als „Suiten oder eigenständige Tondichtungen“ (Schneider) ein dominierendes Leuchten, wie es diese Musik im filmischen Kontext meistens nicht haben kann. Deshalb wirken einige Nummern ohne filmische Bilder auch wie eine Hintergrundkulisse, die durch das Fehlen der vorderen Handlungs- und Bewegungsformen etwas übertrieben anmutet. Das bestätigt bei aller plangemäßen Opulenz auch, dass Schneider seinem Ziel des „magischen Vorgangs“ immer sehr nahe kam und für viele Produktionen eine unverzichtbare Bereicherung ist.
Roland Dippel

Page Reader Press Enter to Read Page Content Out Loud Press Enter to Pause or Restart Reading Page Content Out Loud Press Enter to Stop Reading Page Content Out Loud Screen Reader Support