Adriana Hölszky
Concertos
Martin Mumelter (Violine), Stefan Hussong (Akkordeon), Dagmar Becker (Flöte), Hans Kalafusz (Violine), Das Klarinettenduo, Stuttgarter Kammerorchester, Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Ltg. Bernhard Kontarsky, Peter Rundel, Michael Gielen, Lucas Vis
In der antiken Philosophie war das „Apeiron“ synonym für ungeformt oder amorph, unendlich oder unbegrenzt, aus dem, gemäß Anaximander, dennoch terrestrische und kosmische Dinge und Gestalten entstehen. Im gleichnamigen Konzert für Violine und Orchester der Komponistin Adriana Hölszky finden ebensolche Prozesse statt. Paradoxerweise in temporär definierten Klangkonstellationen: Aus einer Tutti-Alarmsituation erhebt sich zitternd der Solopart zu einem aufgeregten Diskurs, allerdings nicht unbedingt nach klassischem Dialogmuster, sondern als heftige Kontroverse zwischen tiefen und hohen Registern der Opponenten. Entlang der gesplitteten Ensemble-Stimmen treten sukzessive repetitive Motive, Spiccato-Effekte, Glissando-Figurationen, ein absurder Marsch und, nach turbulenter Kadenz, ein final flackernder Klangfächer hervor.
In diesem Kontext ist der von Martin Mumelter souverän ausgeführte Violinpart eher ein primus inter pares kollektiver Ereignisse, die universale Bedeutung haben könnten. Auf jeden Fall ein Hörabenteuer wie auch der High Way für Akkordeon und Kammerorchester: ein Trip, bei dem sich Stefan Hussong gegen Vibrafon, Celesta, Harfe, Cembalo, Cymbalon und Marimba profilieren muss. Und zwar durch gezackte, in sich verschiebende und reibende Klänge ohne deutlichen Puls, bis harte Pauken und markante Orchester-Signale in grellen Sounds kulminieren. Die eigentliche Geschwindigkeit ist dabei nicht metronomisch, vielmehr im raschen Wechsel der Timbres, Ton- und Geräuschbewegungen auf einer unsteten Bahn ohne Hindernisse, und der hervorragende Solist ist wie ein sicher navigierender Pilot.
Eine Funktion, die beim Lichtflug die Flötistin Dagmar Becker und der Violinist Hans Kalafusz manchmal in Parallelen oder Kreuzungen übernehmen. Sie manövrieren sich komplementär in ihren virtuosen Parts stützend oder störend durch gefächerte Streicherstimmen, kontrapunktische Brass-Sequenzen und in Wellen wimmelnde Perkussion, sodass kaltes Flöten-Licht und warme Violin-Luft sich in wechselnden Zeitschichten begegnen.
Dann kommt man in heterogener Dichte On The Other Side, wo das Trio Klarinette, Sopran-Saxofon und Akkordeon mit dem Orchester in Staccato-Dialogen, rauschenden Frequenzen, turbulenten Theaterszenen und wortlosen Vokalisen konkurriert. Musik wie für ein Bühnenspektakel.
Diese Quasi-Konzerte sind je für sich hochgradig differenzierte Netzwerke, die durch ihre Verstrebungen und Synapsen charakteristische Modelle ergeben – somit auch symptomatisch sind für Wahrnehmungen im digitalen Zeitalter.
Hans-Dieter Grünefeld


