Sofia Gubaidulina
Figures of Time/Introitus/Chaconne/Revue Music for Symphony Orchestra and Jazz Band
Alice Di Piazza (Klavier), NDR Bigband, Basel Sinfonietta, Ltg. Titus Engel
Mehr als 30 Jahre lang lebte die russische Komponistin Sofia Gubaidulina bis zu ihrem Tod im Alter von 93 Jahren (2025) in Deutschland. Bekannt war Gubaidulina für ihre enorme stilistische Offenheit. Zu Sowjetzeiten hat ihr dieser wie selbstverständliche Eklektizismus der kompositorischen Mittel etliche Schwierigkeiten eingebracht. Ob serielle und mathematische Bauprinzipien, ob elektrische und elektronische Zutaten, ob sphärisch-spirituelle Ausdrucksformen, „exotische“ Instrumente, improvisatorische und Zufallstechniken oder „Noise“-Elemente: Bei Gubaidulina war immer alles möglich. Die vorliegende CD, erschienen als „Porträtalbum“ in Erinnerung an die Komponistin, gibt einen kleinen, trefflichen Einblick in den Facettenreichtum ihres Schaffens. Die Aufnahmen entstanden im Herbst 2024 in Basel und Bochum.
Figures of Time (oder: „Zeitgestalten“) ist das umfangreichste Stück im Programm, ein Orchesterwerk von 1994. Sehr verschiedene Passagen reihen sich hier aneinander, sehr verschiedene Klangwelten, gespickt auch mit Perkussion, Bajan, E-Bass, Bassklarinette, ein ständiges Zu-Ende-Gehen und Neubeginnen – Verschiedenheit in der Einheit. In Introitus kommt das Klavier als Soloinstrument zum Orchester hinzu, bleibt aber luftig im Klang, oft kaum mehr als eine Tonfarbe. Alice Di Piazza, die Pianistin hier, hat bei Gubaidulinas 2016er Neufassung des Werks mitgeholfen. Es ist ein ungewöhnliches Klavierkonzert mit christlichen und islamischen Klangreferenzen und einer reduzierten, spirituell gemeinten Harmonik. Chaconne, das Klaviersolowerk von 1962, gehört zu Gubaidulinas frühesten und bekanntesten Kompositionen. Dieses kräftige, virtuose Variationenstück war der Widmungsträgerin (Maria Mdivani) auf den Leib geschrieben – temperamentvoll, dynamisch, kontrastreich und mit packender Motorik.
Zum Schluss führt die Revue Music for Symphony Orchestra and Jazz Band (in der Version von 2002) an einen kuriosen Gipfelpunkt von Gubaidulinas Eklektizismus. Möglich wurde diese Einspielung durch das Zusammentreffen der Basel Sinfonietta mit der NDR Bigband. Über weite Strecken klingt das Werk wie eine experimentelle Bigband-Crossover-Produktion, geboren aus dem Fiebertraum eines überambitionierten Radioredakteurs. Schlagzeug und E-Bass legen die rhythmische Basis, jazzige Bläserriffs mischen sich mit Streicherglissandi, dazu kommen Beiträge von drei Sängerinnen sowie filmreif schmachtende Melodien – ein faszinierender (ironischer?) Reflex auf die große Pop-Jazz-Explosion der 1970er-Jahre. Gubaidulinas provokante Stilmixtur fand in der UdSSR damals wenig Wohlwollen von oben. Wie Titus Engel und die beiden Ensembles die wilde Dynamik und anarchische Klangfarbigkeit dieses multistilistischen Ungetüms meistern, gebietet Respekt.
Hans-Jürgen Schaal


