Antesberger, Wolfgang

Vergessen Sie Mozart!

Erfolgskomponisten der Mozart-Zeit

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Piper, München 2005
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 78

Der pro­vokante Buchti­tel Vergessen Sie Mozart! ist natür­lich nicht ganz ernst gemeint. Er bezieht sich vielmehr auf eine Aus­sage des Mozart-Biografen Wolf­gang Hildesheimer. Dieser riet im Mozart­jahr 1991, die im Musik­leben so über­stra­pazierten Werke des Salzburg­er Meis­ters doch ein­mal ruhen zu lassen. Natür­lich um sie anschließend wieder frisch erleben zu kön­nen.
Wolf­gang Antes­berg­er, Mit­glied im Chor der Bay­erischen Staat­sop­er und freier Mitar­beit­er bei Bay­ern 4 Klas­sik, schlägt zu Mozarts 250. Geburt­stag einen anderen Weg ein. Er will über die Sich­tung von zehn heute eher unbekan­nten Kom­pon­is­ten der Mozart-Zeit eine neue Ein­schätzung des Phänomens Mozart erre­ichen. Die von ihm aus­gewählten Musik­er waren damals in der Tat regel­rechte „Erfol­gskom­pon­is­ten“. Es han­delt sich um Johann Adolf Has­se, Gio­van­ni Bat­tista Mar­ti­ni, Nic­colò Jom­mel­li, François-André Phili­dor, Tom­ma­so Traet­ta, Johann Chris­t­ian Bach, Vin­cente Martín y Sol­er, Joseph Mar­tin Kraus, Adal­bert Gyrowetz und Joseph Eybler. Die Nach­welt ver­gaß sie jedoch zugun­sten der klas­sis­chen Trias Haydn, Mozart und Beethoven.
Natür­lich hat die Musik­wis­senschaft all diese Kom­pon­is­ten mehr oder weniger umfassend gewürdigt. Antes­berg­er kon­nte auf die zugänglichen Dat­en und Quellen über Leben und Werk daher leicht zugreifen. Doch seine Ziel­gruppe ist nicht der Fach­mann, son­dern der musik­in­ter­essierte Lieb­haber. Dieser erfährt in den Porträts viel Inter­es­santes über die Zeit, die Auf­führung­sprak­tiken und das oft aben­teuer­liche Leben der Kom­pon­is­ten. So wird die Begeg­nung des alten Johann Adolf Has­se mit dem jun­gen Mozart eben­so geschildert wie Joseph Eyblers Beitrag an der Vol­len­dung des leg­en­de­num­wobe­nen Requiems.
Die für Mozarts Stil wie für die Klas­sik wichtig­sten Kom­pon­is­ten sind sich­er der Neapoli­tan­er Nic­colò Jom­mel­li und Johann Chris­t­ian Bach. Ersterem begeg­nete Mozart allerd­ings zeitlebens dis­tanziert, da Jom­mel­li das erste Tre­f­fen der Fam­i­lie Mozart mit dem würt­tem­ber­gis­chen Her­zog 1763 vere­it­elte. Zum „Lon­don­er Bach“ hat­te er hinge­gen ein sehr fre­und­schaftlich­es Ver­hält­nis. Der kurios­es­te der hier ver­sam­melten Kom­pon­is­ten ist sich­er der Fran­zose François-André Phili­dor. Er galt auch als Europas bester Schachspiel­er und trat in Paris 1783 sog­ar gegen den ersten Schachau­to­mat­en an.
Das mit zahlre­ichen Abbil­dun­gen und CD-Hin­weisen (lei­der ohne Auf­nahme­dat­en und Labelangaben) verse­hene Buch liest sich gut, es ist infor­ma­tiv und kurzweilig. Zu bezweifeln ist allerd­ings Antes­berg­ers These, ob einige der Kom­pon­is­ten bei ein­er anders ver­laufe­nen Rezep­tion heute in einem Atemzug mit Mozart genan­nt wür­den. Schließlich zeich­nen sich seine Werke ja nicht nur durch die hohe handw­erk­liche Qual­ität, son­dern die rev­o­lu­tionäre Inno­va­tion aus. Zu ein­er gerecht­en Ein­schätzung ist Mozarts Umfeld allerd­ings von größter Bedeu­tung. Dazu leis­tet dieses pop­ulär­wis­senschaftliche Buch einen gewichti­gen Beitrag. Bay­ern 4 Klas­sik sendet im Mozart­jahr 2006 zahlre­iche Sendun­gen, die Hand in Hand mit dieser Pub­lika­tion ent­standen.
Matthias Corvin