Schostakowitsch, Dmitri

The Symphonies — complete recording

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio 71029, 12 SACDs
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 86

2006 jährt sich der Geburt­stag Dmitri Schostakow­itschs zum hun­dert­sten Mal und es ist eben­so erstaunlich wie erfreulich, welche Anerken­nung dieser Kom­pon­ist in der let­zten Zeit bei uns gewon­nen hat. Es ist noch nicht lange her, da die Erwäh­nung seines Namens in geschmackssich­er sich dünk­enden Kreisen lediglich ein mitlei­di­ges Lächeln her­vor­rief; nun ist er zu Recht als ein­er der Gigan­ten der Musik des 20. Jahrhun­derts etabliert – eine Entwick­lung, die sich nicht zulet­zt auf dem Ton­träger­markt ver­fol­gen lässt.
An Gesamtein­spielun­gen von Dmitri Schostakow­itschs Sin­fonien herrscht kein Man­gel, und noch vor dem Jubiläum­s­jahr ist nun der erste Schostakow­itsch-Zyk­lus als SACD greif­bar. Inner­halb weniger Jahre – ab 2002 – hat das Gürzenich-Orch­ester Köln die Werke unter der Leitung von Dmitrij Kita­jenko aufgenom­men. Bere­its im ver­gan­genen Jahr erschien als Vor­ab­veröf­fentlichung die in jed­er Hin­sicht erstk­las­sige Ein­spielung der acht­en Sin­fonie: Mustergültig real­isiert Kita­jenko hier die Dringlichkeit der musikalis­chen Aus­sage zwis­chen schmerzhaftem Auf­schrei, dun­klem Grü­beln und trauerver­hangener Elegie mit allen ihm und dem in Best­form auf­spie­len­den Orch­ester zur Ver­fü­gung ste­hen­den Nuan­cen.
Angesichts ein­er solchen Stern­stunde war die Erwartung auf den kom­plet­ten Zyk­lus begrei­flicher­weise sehr hoch. Zumin­d­est in klan­glich­er Hin­sicht wurde sie erfüllt: Ein Mehr an Bril­lanz und Tiefen­schärfe bei gle­ichzeit­iger Natür­lichkeit ist schw­er vorstell­bar.
Kün­st­lerisch bleibt indes der eine oder andere Wun­sch offen. Kita­jenko bietet eine run­dum ser­iöse Inter­pre­ta­tion der Werke. Offen­le­gung der the­ma­tis­chen Arbeit und der Trans­parenz des motivis­chen Geflechts ste­hen im Vorder­grund. Der Diri­gent schmäht jede Effek­thascherei. Mit dieser Grund­hal­tung, zu der fast durch­weg gemessene Tem­pi zählen, gelin­gen ihm einige imponierende Ergeb­nisse. Der „Leningrad­er“ etwa fehlt nun jedes reißerische Ele­ment, die prob­lema­tis­che Zwölfte gewin­nt sin­fonis­che Statur und Kita­jenko ist ein­er der weni­gen Inter­pre­ten, die es schaf­fen, die heik­le Bal­ance zwis­chen Groteske, Elegie und Tragödie in der Sin­fonie Nr. 15 angemessen zu real­isieren. Als aus­ge­sprochen gelun­gen darf auch die neunte Sin­fonie beze­ich­net wer­den: eine gle­icher­maßen ele­gante wie bis­sige Inter­pre­ta­tion wie aus einem Guss. Eine sichere Hand bewies Kita­jenko bei der Auswahl der Gesangssolis­ten. Ins­beson­dere der Bassist Arutjun Kot­chin­ian weiß durch bedin­gungslose Iden­ti­fika­tion mit den musikalis­chen wie textlichen Inhal­ten der Sin­fonien Nr. 13 und 14 zu überzeu­gen.
Gele­gentlich man­gelt es Kita­jenko jedoch am Mut zum – emo­tionalen wie dynamis­chen – Extrem, das den Par­ti­turen inhärent ist, und die Gediegen­heit seines Ansatzes artet in Behäbigkeit aus. So gelingt es ihm beispiel­sweise nicht, im Kopf­satz der zehn­ten Sin­fonie die Span­nung aufrechtzuer­hal­ten, und in der Vierten zer­fällt die Musik in Einzel­teile – die stete Gefahr des Überkip­pens in den Wahnsinn, die sich etwa in dem katas­trophis­chen Fuga­to des ersten Satzes man­i­festiert, ist bei Kita­jenko nicht spür­bar. Zäh­flüs­siger hat dieses wage­mutig­ste Werk des Kom­pon­is­ten wohl nie gek­lun­gen. Auch die Grotesken der Sin­fonien Nr. 2 und 3 liegen dem Diri­gen­ten deut­lich weniger als der Ernst der mit­tleren Sin­fonien.
Ins­ge­samt jedoch über­wiegt ein pos­i­tiv­er Ein­druck – nicht zulet­zt auf­grund der durch­weg bravurösen Orch­ester­leis­tung. An der Präsen­ta­tion der Bei­hefte ist nichts auszuset­zen und als Zugabe gibt es ein Rund­funk­fea­ture über die Entste­hung dieses Pro­jek­ts.
Thomas Schulz