Beethoven, Ludwig van

Streichquartette op. 18 Nr. 1–6

2 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Thorofon CTH2456/2
erschienen in: das Orchester 01/2014 , Seite 81

Seit annäh­ernd 30 Jahren konz­ertiert das Phil­har­mo­nia Quar­tett mit einem bre­it­en Reper­toire zwis­chen Wiener Klas­sik und früher Mod­erne. Dreh- und Angelpunkt aber blieb das Quar­tettschaf­fen Lud­wig van Beethovens, dem sich die vier Mit­glieder der Berlin­er Phil­har­moniker auch in zahlre­ichen CD-Pro­duk­tio­nen wid­me­ten. Umso mehr wun­dert es, dass die Berlin­er op. 18 nie als Gesam­tauf­nahme veröf­fentlicht­en. Das hat sich hier­mit geän­dert. Bei den sechs Quar­tet­ten dieser Aus­gabe han­delt es sich zwar um keine Neuein­spielun­gen, son­dern um Auf­nah­men, die zwis­chen 2000 und 2008 ent­standen, aber das schmälert deren Bedeu­tung nicht im Ger­ing­sten. Daniel Stabrawa (1. Vio­line), Chris­t­ian Stadel­mann (2. Vio­line), Nei­thard Resa (Vio­la) und der kür­zlich ver­stor­bene Cel­list Jan Dis­sel­horst leg­en hier ger­adezu mustergültige Inter­pre­ta­tio­nen vor, die das Phil­har­mo­nia Quar­tett als per­fekt einge­spiel­ten und wirk­lich wun­der­bar aus­bal­ancierten Klangkör­p­er präsen­tieren, der wie aus einem Guss klingt und doch bis in jede Neben­stimme durch­hör­bar bleibt.
„Der Mit­tel­weg ist der einzige, der nicht nach Rom führt“, hat Arnold Schön­berg ein­mal fest­gestellt. In diesem Fall führt er jedoch genau ins Zen­trum von Beethovens frühen Quar­tet­ten. Natür­lich gibt es exzen­trischere Auf­nah­men, aber auch eine ganze Menge lang­weiligere und gediegenere Deu­tun­gen als diese. Das Berlin­er Quar­tett find­et hier genau das rechte Maß von Emo­tion und Zurück­hal­tung, Dra­matik und Koket­terie, Ernst und Spiel, ohne dabei in spießige Vornehmheit zu ver­fall­en. Eine Ambivalenz, die let­ztlich der Stel­lung von Beethovens erstem großen Quar­tettzyk­lus entspricht: Anknüp­fung an ein durch Haydn und Mozart bere­its zur Vol­len­dung (und damit Sch­ablone) getriebenes Kam­mer­musik-For­mat und zugle­ich erster Auf­bruch in neue Gefilde. Exem­plar­isch zeigt sich das an einem berück­enden Ada­gio affet­tu­oso ed appas­sion­a­to, dem des­per­at­en Genie-Stre­ich aus dem ersten Quar­tett, das sehr entspan­nt und den­noch tief emo­tion­al daherkommt, auch tem­pomäßig zwis­chen geläu­fi­gen Extremen ange­siedelt.
Nur damit keine Missver­ständ­nisse aufkom­men: Diese Inter­pre­ta­tio­nen sind wed­er unentsch­ieden noch mit küh­ler Per­fek­tion befrachtet. Vielmehr wer­den die ganz unter­schiedlichen Charak­tere und Ton­fälle
der sechs Quar­tette beredt aus­for­muliert, egal, ob es sich um den Sturm und Drang des ersten Quar­tetts, die ein wenig gespreizte Anmut des „Kom­pli­men­tierquar­tetts“, die schwärmerische San­glichkeit im fün­ften oder die schlichte Zartheit des D‑Dur-Quar­tetts han­delt, dessen vir­tu­os­es Finale zum über­müti­gen Kehraus wird.
Auch sprung­hafte Stim­mungss­chwankun­gen und Satztech­niken wer­den kon­se­quent nachvol­l­zo­gen, nicht nur in den drama­tis­chen Eck­sätzen des einzi­gen Moll-Quar­tetts (Nr. 4) oder im ger­adezu schiz­o­phre­nen „La Mal­in­co­nia“, dem Schlusssatz des sech­sten Quar­tetts. Die sprechende Artiku­la­tion der Beethoven’schen Affek­te und Instru­men­tal­re­gun­gen fern jeglich­er Übertrei­bung stellt eine große Qual­ität dieser Ein­spielung dar – absolute Musik und „instru­men­tales The­ater“ in vol­len­de­ter Ein­tra­cht sozusagen.
Dirk Wieschollek