Ingrid Fuchs (Hg.)

Musikfreunde

Träger der Musikkultur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 61

Mit der Emanzi­pa­tion des Bürg­er­tums erlebte das öffentliche Musik­leben seit dem let­zten Vier­tel des 18. Jahrhun­derts einen gewalti­gen Wan­del. Seit die tra­di­tionellen sozialen Gren­zen infolge der Ver­bürg­er­lichung des Adels durch­läs­sig wur­den, fühlte sich zunehmend auch das Bürg­er­tum für das öffentliche Musik­leben zuständig.
Beispiel­haft ste­ht dafür die 1812 gegrün­dete „Gesellschaft der Musik­fre­unde“ in Wien, die zunächst „Ge­sellschaft der Musik­fre­unde des ös­terreichischen Kaiser­staates“ hieß. Es war eine reine Pri­vat­ge­sellschaft, „welche auf fre­undliche Weise in einem Pri­vathause zusam­menkommt, um sich mit Musik und anständi­ger Kon­ver­sa­tion zu erheit­ern“. Ihr Ziel war „Selb­st­be­trieb und Genuss der Musik und die Beförderung der
Gesel­ligkeit unter den Kun­stlieb­habern unser­er Res­i­den­zs­tadt“.
Damals galt Musik noch als hoher Bil­dungswert! Bevor 1870 das noch heute erhal­tene Musikvere­ins­ge­bäude mit dem großen gold­e­nen Saal eröffnet wurde (das ein­mal zur Heim­stätte der Wiener Phil­har­moniker wer­den sollte), musizierte man in ver­schiede­nen Räum­lichkeit­en der Stadt, im Salon, aber auch im größeren Kreis.
In der „Gesellschaft der Musik­fre­unde“ hat­ten sich Musik­lieb­haber zusam­menge­fun­den, keine Profis, son­dern Dilet­tan­ten, die ihren Leben­sun­ter­halt im Gegen­satz zum Beruf­s­musik­er nicht mit Musik ver­di­en­ten, aber über eine gediegene Musikaus­bil­dung ver­fügten, die ihnen ermöglichte, mit Gle­ich­gesin­nten, aber auch gemein­sam mit Beruf­s­musik­ern zu musizieren. Die rezip­ierende wie pro­duzierende Beschäf­ti­gung mit Musik, Sam­meltätigkeit und Musik­er­aus­bil­dung war ihr Ziel. Konzertleben und Musikreper­toire, wie wir es heute ken­nen, aber auch der Heroenkult in der Musik sind durch diese Organ­i­sa­tion nach­haltig geprägt wor­den.
Diese und ähn­liche Gesellschaften besaßen einen zen­tralen Stel­len­wert in der vom Bürg­er­tum getra­ge­nen Musikkul­tur des Bie­der­meiers, so erfährt man in diesem von Ingrid Fuchs her­aus­gegebe­nen Band, in dem neben ihr 28 Autoren aus den großen Musikzen­tren der Welt sich dem Phänomen der „Musik­fre­unde“ wid­men. Die 30 Beiträge des opu­len­ten Sam­mel­ban­des, der die Ergeb­nisse eines Sym­po­siums von 2012 präsen­tiert, machen deut­lich, wie über die Hab­s­burg­er Monar­chie hin­aus die Wiener Ini­tia­tive der Musik­fre­unde zum Vor­bild weit­er­er ver­gle­ich­bar­er Ini­tia­tiv­en in ganz Europa (Rom, Prag, Den Haag, Zürich, Bonn, Frank­furt am Main, Paris, Lon­don) und sog­ar in New York wurde.
Aber auch die für musikalis­che Gesellschaften des 19. Jahrhun­derts ger­adezu typ­isch gewor­de­nen Musik­feste und das Feiern von Kom­pon­is­ten-Gedenk­jahren sind The­ma des mit einem nüt­zlichen Reg­is­ter sowie her­vor­ra­gen­den Quellen- und Lit­er­at­u­rangaben verse­henen, weit aus­holen­den, außeror­dentlich empfehlenswerten Buchs.
Dieter David Scholz