Hosfeld, Rolf (Hg.)

Kultur“ver“führer

Thater, Clubs, Museen, Kinos, Galerien, Events, Szene. Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Köln, Leipzig, Hamburg, München, Stuttgart

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Helmut Metz, Hamburg 2004/05
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 75

Ein weites Feld beack­ern die Kul­turver­führer, die der auf Kul­tur­büch­er spezial­isierte Hel­mut Metz Ver­lag zu den Städten Ham­burg, Berlin, München, Stuttgart, Köln, Frank­furt am Main, Düs­sel­dorf und Leipzig anbi­etet. Mit vie­len Fotografien illus­tri­ert wollen die umfan­gre­ichen Bände das kul­turelle Leben der Städte beschreiben und fäch­ern inner­halb einzel­ner Sparten „The­ater“, „Musik“, „Live­musik“, „Clubs“, „Kinos“, „Museen“, „Gale­rien“, „Lit­er­atur“, „Insti­tu­tio­nen“, „Loca­tions“ und „Durchs Jahr“ kul­turelle Schau­plätze der jew­eili­gen Stadt auf. Im Falle des Ham­burg-Ban­des sind die zusät­zlichen Sparten „Kaufkul­tur“ und „Mar­itimes“ enthal­ten.
Dabei leg­en die Mach­er der Bände einen dur­chaus stre­it­baren Kul­turbe­griff zugrunde, denn nicht jed­er würde akzep­tieren, dass bes­timmte Dis­cos, Clubs und Bars ein­er Stadt unbe­d­ingt Ein­gang in einen Kul­tur­führer find­en müssten. Die Rei­he mit ihrem etwas effek­thaschen­den Titel geht offen­sichtlich von einem jün­geren und wom­öglich auch kaufkräfti­gen Lesepub­likum aus, denn die Bände sind neben der reichen Bebilderung der vorgestell­ten Orte nicht nur mit Anzeigen ein­schlägiger Kul­turin­sti­tu­tio­nen, son­dern auch mit Wer­bung für u.a. Design­er­leucht­en, High­tech-Küchen und Glitzer­schmuck aus­ges­tat­tet.
Für alle Lesenden des Ban­des suchen die Kul­turver­führer Antworten auf fol­gende Fra­gen: Was wird in ein­er Stadt an Kul­turellem geboten? Wer steckt hin­ter den Organ­i­sa­tio­nen? Für wen „lohnt“ sich ein Besuch? Mit der jew­eili­gen Stadt ver­traute Jour­nal­is­ten und Autoren haben kurze und meist auch kurzweilige feuil­leton­is­tis­che Texte über die Pil­ger­stät­ten des Vergnü­gens und der Bil­dung ver­fasst, die einzel­nen größ­ten­teils illus­tri­erten Ein­träge sind mit den entsprechen­den Detail­in­for­ma­tio­nen zu Öff­nungszeit­en und Web­seit­en verse­hen.
Ein Nachrecher­chieren ist für die Nutzer drin­gend anger­at­en, um nicht vor ver­schlosse­nen oder leeren Gebäu­den zu ste­hen. Kul­tur ist dynamisch, ihre Zus­tands­beschrei­bung in Büch­ern zwangsläu­fig sta­tisch. Bei ein­er Prü­fung des Frank­furt-Ban­des der Rei­he wird deut­lich, dass die Infor­ma­tio­nen rund um die Kul­tur unter Umstän­den eine kurze Halb­w­ert­szeit haben, was der Ver­lag durch regelmäßige Aufla­ge­nak­tu­al­isierung auszu­gle­ichen ver­sucht. Den­noch: Für den aktuellen Frank­furt-Band war der Redak­tion­ss­chluss am 31. Okto­ber 2004. Macht man nun die Probe aufs Exem­pel, stellt man fest, dass das Frank­furter Lit­er­aturhaus seit Ende 2005 nicht mehr in der Bock­en­heimer Land­straße resi­diert, son­dern in den ehe­ma­li­gen Por­tikus an der Schö­nen Aus­sicht umge­zo­gen ist, der Por­tikus wiederum wird ab Mai 2006 ein neues Ausstel­lungs­ge­bäude auf der Main­in­sel unter der Alten Brücke beziehen, die „Denkbar“, ein Ort des Philoso­phierens und Gedanke­naus­tauschs, ist im Herb­st 2005 von der Schiller­straße in den Born­wiesen­weg umge­zo­gen und heißt nun in Rem­i­niszenz an Theodor W. Adorno „Wiesen­grund“. Der Kun­stvere­in wird ab 2006 nicht länger von Niko­laus Schafhausen, son­dern von Chus Mar­tinez geleit­et, im Grüneb­urg­park wird dem­nächst ein Kore­anis­ch­er Garten eröffnet, der – anders als der Chi­ne­sis­che Garten im Beth­man­npark – noch keine Erwäh­nung find­et.
So schnell ist in der Regel nur das Feuil­leton selb­st, was den Bän­den nicht ange­lastet wer­den darf, man sollte sie aber eben keines­falls als alleinige Weg­weis­er zu den Epizen­tren des kul­turellen Stadtlebens ver­ste­hen. Ohne­hin treibt die Kul­tur ihre Blüten wann, wo und wie sie will, und das bere­its insti­tu­tion­al­isierte und mit offizieller Postadresse aus­ges­tat­tete Ausstel­lungs- oder Ver­anstal­tungs­ge­bäude ist nicht immer der Ort, an dem der kul­turelle Puls der Zeit ger­ade pocht.
Brauch­bar­er erweisen sich die Bände da, wo die Geschichte und Geschicht­en eines Orts rück­blick­end erzählt und grundle­gende Aspek­te mit teil­weise über­raschen­den Anek­doten ver­bun­den wer­den. Man kann die Kul­turver­führer als Weg­weis­er durch den heimis­chen Kul­turd­schun­gel immer dann benutzen, wenn man Lust hat, etwas Neues zu ent­deck­en. Ärg­er­lich sind allerd­ings die groben Schnitzer bei der Schrei­bung von Namen maßge­blich­er Per­sön­lichkeit­en, wenn etwa im Berlin-Band der Diri­gent Arthur Nikisch mal eben in „Nikesch“ oder der Kun­st­samm­ler und Mäzen Heinz Berggru­en in „Hans“ unbe­nan­nt wird. Die bunt-pop­pige Auf­machung im Stil von Stadt­magazi­nen mag dem sub­jek­tiv­en Geschmack­surteil unter­liegen, die man­gel­nde Sorgfalt in der Ver­wen­dung der Sprache stört auf jeden Fall.
Beate Tröger