Verdi, Giuseppe

Falstaff

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: ArtHaus Musik DVD 101537
erschienen in: das Orchester 01/2012 , Seite 72

Die ganze Welt ist Bühne oder doch eher Manege? Bei Bernd Weikls Inszenierung von Giuseppe Verdis Falstaff im Pfalztheater Kaiserslautern ist es eine Mischung aus Commedia-dell’Arte-Elementen und denen des Zirkus, die optisch das Geschehen bestimmen. Für die Regie des international erfolgreichen Baritons, der zugleich auch die Titelfigur von Verdis Alterswerk verkörpert, hat ihm Bühnenbildner Thomas Dörfler eine überzeugende Spielfläche für Verdis auf Shakespeares Welttheater basierender letzter Oper geschaffen. Unterstützt wird dies von den Kostümen von Julia Holewick.
Leider ist die Bildführung des DVD-Livemitschnitts, der die Aufführung dokumentiert, im Gegensatz zu den musikalischen und inszenatorischen Leistungen nur als semiprofessionell zu bezeichnen: Unmotivierte, dazu noch häufig nicht 100-prozentig scharfe Totale und sinnentstellende Schnitte beeinträchtigen das Sehvergnügen doch beachtlich.
Weikl, der am Pfalztheater schon Richard Strauss’ Salome inszeniert hat, trägt den sängerischen Bedürfnissen seiner Kollegen zwar entscheidend Rechnung, plattes Rampentheater ist seine Sache aber glücklicherweise nicht. Die Personen werden genau charakterisiert, von den beiden zwiespältig-intriganten Dienerfiguren Bardolfo (Marian Henze) und Pis-
tola (Alexis Wagner), beide darstellerisch wie sängerisch mehr als überzeugend, hin zum eifersüchtigen Ford – hier hat Weikl mit Carlos Aguirre einen aus der vollen jugendlichen Kraft schöpfenden Bariton als Konkurrenten – zum altersgeil-gefoppten Dr. Cajus (köstlich John Pickering). Das Pfalztheater hat zudem ein Frauenensemble von beachtlicher Qualität zu bieten, von der sehr jugendlich besetzten Alice Ford der Adelheid Fink, bei der man nicht nur aus stimmlichen Überlegungen verstehen kann, dass sich beim alternden Falstaff Johannistriebe entwickeln, über die mit beachtlicher Alttiefe aufwartenden Yanyu Cuo (Mrs. Quickly) und der ansprechenden Meg Page der Wioletta Hebrowska. Arlette Meißner ist eine hinreißende Nannetta mit gelegentlich geschärfter Höhe, die die Leidenschaft des geschmeidigen Tenors Steffen Schantz (Fenton) verstehen lässt.
Weikl findet als Regisseur eine stimmige Balance zwischen überdrehter, stets hintersinniger Komik und der pessimistischen Weltsicht des alten Verdi. Das Gelächter über den gefoppten Falstaff am Ende der Oper fällt auf die ihn umgebenden Protagonisten ebenso zurück wie auf den Betrachter: „Alles in der Welt ist Posse.“ Bernd Weikl ist darstellerisch ein überwältigender Sir John, stimmlich mit allen Wassern gewaschen, auch wenn man sich bei aller Rollenerfahrung des Baritons wünschen würde, diese Aufzeichnung hätte einige Jahre früher stattgefunden…
Als sehr beachtliches Orchester präsentiert sich der Kaiserslauterner Klangkörper. Neben den präsenten Streichern sind es vor allem die Bläser, solistisch hervorragend das Holz, die für den positiven Eindruck sorgen. Generalmusikdirektor Uwe Sandner ist dabei ein die Aufführung bis in kleinste Detail ausgefeilt präsentierender, Komik und Tiefgang auslotender musikalischer Leiter. Im Vergleich zu den großen Falstaff-Dirigenten fehlen aber die entscheidenden Impulse vom Pult, die eine gute zu einer überwältigenden Aufführung machen.
Walter Schneckenburger