Tessarini, Carlo

Concerto G-Dur op. 1 Nr. 3

für Violine, Streicher und Basso continuo, hg. von Franziska Matz

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Peters, Frankfurt am Main 2010
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 66

> Gäbe es den Begriff des „One Hit Won­ders“ in der klas­sis­chen Musik, der Geiger, Kapellmeis­ter und Kom­pon­ist Car­lo Tes­sari­ni wäre ein per­fek­tes Beispiel dafür. Kaum ein etwas fort­geschrit­tener­er Geigen­schüler dürfte sein Con­cer­to in G-Dur nicht schon während manch ein­er Unter­richtsstunde „unter den Fin­gern“ gehabt haben – und trotz­dem (oder ger­ade deswe­gen?) hört man von Car­lo Tes­sari­ni nichts im Konz­ert; wed­er das hier in ein­er Neuaus­gabe des Peters-Ver­lags vor­liegende Konz­ert noch eines der anderen elf Schwest­er­w­erke aus dem Opus 1 des in Rim­i­ni gebore­nen Kom­pon­is­ten, dessen genaue Lebens­dat­en nach wie vor unbekan­nt sind.
Der Vival­di- und Corel­li-Zeitgenosse, der in Ital­ien, Deutsch­land, Frankre­ich und zulet­zt bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhun­derts hinein in den Nieder­lan­den wirk­te, begin­nt sein G-Dur-Werk mit einem kraftvollen Tut­ti – ger­ade so, als wollte er den bei­den genan­nten, dur­chaus schon zu Lebzeit­en berühmteren Land­sleuten Konkur­renz machen. Auch in der Folge behält Tes­sari­ni einen robusten, direk­ten und klangstarken Satz bei, der nicht so sehr auf Vir­tu­osität, son­dern viel eher auf gut ver­ständliche Melodielin­ie set­zt. Das Largo ist schlicht, fast im Stil ein­er Kirchen­sonate gehal­ten und ermöglicht einen Ruhep­unkt vor dem dur­chaus als Kehraus im Dreiachteltakt angelegten Final­satz.
Da sich tech­nis­che Anforderun­gen und musikalis­che Wirkung in her­vor­ra­gen­der Bal­ance befind­en, musste Tes­sari­nis G-Dur-Con­cer­to ger­adezu ein „Hit“ der fort­geschrit­te­nen Instru­men­ta­laus­bil­dung wer­den. Ohne in hohen Lagen spie­len zu müssen und ohne sich allzu vie­len Her­aus­forderun­gen auf dem Gebi­et der Bogen­tech­nik gegenüber zu sehen, kann der Nach­wuchs­geiger hier bere­its fundiert musikalisch arbeit­en. Präg­nante Kon­traste in der Tonan­lage wer­den dabei eine eben­so überzeu­gende Wirkung ent­fal­ten kön­nen wie klare rhyth­mis­che Kon­turierun­gen. Und wenn es dann doch schon ein Schuss Vir­tu­osität sein soll, dann bietet dazu der Schlusssatz zum Beispiel auch mit geschmack­vollen Verzierun­gen die ein oder andere Gele­gen­heit. In diesem Sinn ver­mag Tes­sari­nis Kom­po­si­tion mit dem Schüler mitzuwach­sen und ihn über mehr als nur eine kurze Peri­ode zu beschäfti­gen.
Der von Roland Erben erstellte Klavier­auszug im Stil eines Bas­so con­tin­uo, der auch Hin­weise auf die orig­i­nale Instru­men­tierung Car­lo Tes­sari­nis enthält, ermöglicht nicht nur generell eine „all­t­agstaugliche“ Begleitung der Solostimme, er lässt die Vio­line auch viel plas­tis­ch­er wirken, da der Solist ger­ade in den Tut­tiab­schnit­ten immer präsent ist und sich die Klang­wirkung nicht mit anderen Stre­ichin­stru­menten teilen muss. Auf der kurzen „Dis­tanz“ dieses dreisätzi­gen Konz­erts mag das ein Vorteil sein, der zu weit­eren Kon­trast­bil­dun­gen ein­lädt.
Daniel Knödler