Geering, Mireille (Hg.)

Als badischer Militärmusiker in Napoleons Kriegen

Balthasar Eccardts Erinnerungen an die Feldzüge nach Österreich, Preußen und Russland 1805–1814

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Kohlhammer, Stuttgart 2013
erschienen in: das Orchester 01/2014 , Seite 71

„Im Jahr 1805 entwick­elte sich zwis­chen Napoleon Kaiser von Frankre­ich, und dem Kaiser von Oestre­ich – ein Krieg – und wir musten mit den Fran­zosen gegen Oestre­ich zu Felde ziegen, wo wir den ersten Octo­ber aus unser­er Gar­ni­son von Durlach Aus­marschierten, unser Kapelmeis­ter blieb aber (weil er schon ein bejahrter Mann war) mit sein­er Pen­tion zu Hause.“ Und so began­nen für Balthasar Ecca­rdt aus Weißweil in Baden, dem Schreiber dieser Zeilen, knapp zehn Jahre des Sol­da­ten­da­seins bei den Rhein­bundtrup­pen: 1806 beim Feldzug gegen Preußen, 1809 gegen Öster­re­ich und ab 1812 gegen Rus­s­land. Doch Ecca­rdt war kein gewöhn­lich­er Sol­dat, son­dern badis­ch­er Mil­itär­musik­er, wurde als Haut­boist beze­ich­net, obwohl er doch die Klar­inette spielte, arbeit­ete sich als solch­er bis zum Kapellmeis­ter hoch, wurde von rus­sis­chen Mil­itär­musik­ern, die ihn in ihre Rei­hen auf­nah­men, vor dem wahrschein­lichen Tod durch Erfrieren oder Ver­hungern gerettet, und leit­ete in rus­sis­ch­er Kriegs­ge­fan­gen­schaft eine Musikschule, um das Niveau der slaw­is­chen Mil­itär­musik zu steigern.
Während all dieser Aben­teuer scheint der 1782 geborene Musik­er aber auch noch Tage­buch geführt zu haben, schrieb er seine Erleb­nisse doch nach sein­er Heimkehr im Jahr 1814 recht detail­liert und chro­nol­o­gisch wohlge­ord­net nieder, beschrieb Schlacht­en und poli­tis­che Entwick­lun­gen, aber auch etwa Aspek­te der Lebensweise der Bewohn­er von Land­strichen, durch die das Heer zog und in denen es ein­quartiert war. Da kann man dann in dur­chaus gewählter Sprache, aber doch in ganz natür­lich aus dem Leben gegrif­f­e­nen Worten lesen, wie das rus­sis­che Brot aus­sah, wie sich die Russen wuschen, aber auch, wie hart das Leben der Sol­dat­en während der napoleonis­chen Kriege ger­ade im Win­ter war, wie sie froren und hungerten. Dabei gibt der „badis­che Haut­boist“, wie er sich selb­st nen­nt, viel von seinen Gefühlen preis, beschreibt Angst und Schreck­en, aber auch die Sehn­sucht nach Zuhause und sein­er Fam­i­lie, die er 1814 endlich in Ras­tatt gerührt wieder in die Arme schließen kann.
Diese Schilderun­gen erschienen bere­its 1816 im Druck, doch schrieb Ecca­rdt seine Erleb­nisse ver­mut­lich etwa zwanzig Jahre später noch ein­mal hand­schriftlich nieder. Bei­de Fas­sun­gen sind nun in diesem Buch abge­druckt und damit auch im Detail ver­gle­ich­bar. Dazu bietet der Band noch diverse Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu den poli­tis­chen Entwick­lun­gen, die zu den Kriegen geführt hat­ten und ihren Fort­gang bes­timmten, zur Mil­itär­musik und ihrer Stel­lung inner­halb des Heeres, zum Ver­lauf der Feldzüge und zum schließlichen Scheit­ern der napoleonis­chen Eroberungspläne. Zeittafeln, ein aus­führlich­es Reg­is­ter und ein Glos­sar mil­itärisch­er Fachaus­drücke ergänzen das Buch zu einem fundierten Werkzeug, mit dem man sich ein umfassendes Bild der napoleonis­chen Kriege machen kann.
Man kann aber auch ein­fach die dur­chaus span­nen­den, tre­f­fend­en und klaren Schilderun­gen Ecca­rdts ohne den wis­senschaftlichen Unter­bau lesen und wird daraus eine plas­tis­che Vorstel­lung von Krieg und Sol­daten­leben zu Beginn des 19. Jahrhun­derts gewin­nen.
Andrea Braun