Alpine Horn Symphonic

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Edel 0208860CTT
erschienen in: das Orchester 02/2014 , Seite 80

Google bietet für „Eliana Bur­ki“ etliche YouTube-Tre­f­fer an. In den Video­clips aus Japan, Köln oder sonst­wo sieht man eine hüb­sche junge Frau, die unter neugieri­gen Pas­san­ten­blick­en eine lange Röhre auf der Schul­ter durch Städte oder an Meer­esstrände trägt und sie dort oder auf Glitzer­büh­nen spielt. In einem Clip erfährt der Schweiz­er TV-Mod­er­a­tor Engel­bert Aeschbach­er von ihr in schön­stem Schwiz­erdütsch, ihr Alphorn sei 3,70 m lang und man brauche fürs Blasen gute Bauch­muskeln. Die heute Dreißigjährige spielt in diesen Video-Sequen­zen etwa einen gitar­ren­be­gleit­eten elegis­chen Tan­go oder mit ein paar wilden Gitar­ris­ten samt Schlagzeug Jazz‑, Pop- oder Funk-Stücke, sie singt auch und tanzt auf hohen Absätzen umher, haut ein­mal aufs Schlagzeug oder benutzt in ein­er Rhythm-and-Blues-Sequenz ein zweites langes Rohr mit Ven­ti­lauf­satz. Das alles wirkt ver­we­gen und exo­tisch schon wegen des unhan­dlichen Instru­ments, das man eher leder­be­hosten Män­nern mit Wadel­strümpfen und Gams­bärten auf ihren Hüten zuord­net, die auf Bergab­hän­gen son­nenbeschiene­nen Alpengipfeln elegis­che Hornsignale zublasen.
Eliana Burkis neue CD enthält auch solche Stücke, die Alpenglühen und Schneegipfel beschwören, begin­nt aber mit einem ger­adezu klas­sis­chen Konz­ert von Jean Daetwyler, einem Schweiz­er Kom­pon­is­ten, der sich fürs Alphorn begeis­terte und dieses aus­ge­fal­l­ene Instru­ment 1972 mit einem Solokonz­ert bedachte, dem er weit­ere sieben Stücke für dieses Instru­ment fol­gen ließ und es so von den hohen Bergen in den Konz­ert­saal geholt hat. Die vier folk­loris­tisch bes­timmten Sätze seines Konz­erts beschreiben bewe­gende Stim­mungs­bilder aus dieser Berg­welt.
Das gilt auch für ein weit­eres Alphornkonz­ert von Daniel Schny­der, einem der viel­seit­ig­sten mod­er­nen Schweiz­er Gegen­wart­skom­pon­is­ten, das in drei Sätzen Folk­lore-Ele­mente mit mod­ern­sten Kom­po­si­tion­s­mit­teln ver­ar­beit­et und dem Alphorn dabei hochvir­tu­os­es Spiel abver­langt, das Eliana Bur­ki mit verblüf­fend­er Blastech­nik, aber auch mit Hil­fe von drei Ven­tilen hin­ter dem Mund­stück ihres Instru­ments sou­verän meis­tert – ohren­schme­ichel­nd ihre Kadenz im 1. Satz, wo fernes Kuh­glock­en­geläute mit dem West­min­ster­schlag ver­bun­den wird. Schny­der wird im Book­let mit der über­raschen­den Fest­stel­lung zitiert, er sei überzeugt gewe­sen, nie­mand könne sein Konz­ert wirk­lich auf einem Alphorn spie­len… Es fol­gen ein paar alpen­ländis­che Stim­mungsstücke; Track 11 Las Tres Prince­sas ist jen­er Tan­go, der auch auf YouTube zu hören ist; und Track 10 Heart of Cairo ist ein Viere­in­halb-Minuten-Stück, das im For­tis­si­mo einen ful­mi­nan­ten Höhep­unkt erre­icht – mein Anspieltipp!
Offen­bar will die exo­tis­che Aus­nah­mekün­st­lerin ihrem Pop-Art-Image einen ser­iöseren Touch beifü­gen, was – wenn diese CD ein Anfang sein soll – ihr sich­er gelin­gen wird, falls ihre Schweiz­er Kom­pon­is­ten­fre­unde ihr noch mehr Alphorn­werke auf den Leib schreiben: Es wäre zu wün­schen!
Diether Steppuhn