Germann, Sabine

Zukunftsmodell Konzertpädagogik

Eine Studie zur Begegnung von Schulen und Sinfonieorchestern

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Pfau, Saarbrücken 2006
erschienen in: das Orchester 04/2007 , Seite 80

In Kindergärten wird man­gels Aus­bil­dung der Erzieherin­nen der „exis­ten­ziellen Bedeu­tung“ des kindlichen Sin­gens nicht Rech­nung getra­gen, Musikun­ter­richt an den Schulen wird über­haupt nicht oder fach­fremd erteilt, an den Gym­nasien bele­gen in Ham­burg ger­ade acht Prozent der Schüler die Wahlpflichtkurse Musik. Kinder wer­den die Schule ver­lassen, ohne „je eine einzige Stunde Musikun­ter­richt gehabt zu haben“.
Auf der anderen Seite gibt es ein immenses Inter­esse an musikalis­ch­er Betä­ti­gung, wobei Sabine Ger­mann in ihrer engagierten Studie (eine Diplo­mar­beit der Uni Hildesheim im Stu­di­en­gang Kul­tur­wis­senschaften und ästhetis­che Prax­is) anmerkt, dass das „kul­turelle Erbe“ immer mehr den nicht priv­i­legierten Schicht­en voren­thal­ten wird. Ihnen bleibt die Vielfalt ein­er musikalis­chen Hochkul­tur fremd. An ihre Stelle gerät eine ein­seit­ige Prä­gung durch die Medi­en, was die demokratis­che Chan­cen­gle­ich­heit bedro­ht.
Wenn die Autorin in ihrer Bestand­sauf­nahme dann am Beispiel von Johannes Raus Berlin­er „sin­gen­dem und klin­gen­dem Belle­vue“ den „Auf­bruch Musik­erziehung“ anspricht, wird man das Gefühl nicht los, Son­ntagsre­den zu hören. Sodann schreibt Ger­mann, dass sie das Zitat „Das Orch­ester ist tot“ aus der Neuen Zürcher Zeitung „über­pointiert“ fände. Später kri­tisiert sie jedoch, dass ger­ade ein Orch­ester wie die Berlin­er Sym­phoniker, das sich um Ver­mit­tlungsar­beit seit langem beson­ders ver­di­ent gemacht habe, „abgewick­elt“ wor­den sei. Anscheinend ist die Lage also doch ernst.
„Ver­mit­tlung“ ist zen­trales The­ma dieser Studie und die Autorin stellt fest, es gehe darum, nachwach­sende Gen­er­a­tio­nen „für die Erleb­nisqual­ität des klas­sis­chen Sin­foniekonz­erts zu begeis­tern“. Sie stellt drei unter­schiedliche Wege vor, die von MTV geprägte „Gen­er­a­tion Spaßkul­tur“ einzu­binden in ein ihr fremdes Kul­turver­hal­ten. Zum einen der betont eigen­schöpferische Zugang des Edu­ca­tion-Pro­gramms „Zukun­ft @BPhil“ der Berlin­er Phil­har­moniker. Simon Rat­tle hat es aus dem ver­mit­tlungs­fortschrit­tlichen Eng­land mit­ge­bracht. Es stellt sich als her­aus­ra­gend dar, weil es nicht nur Musik als kör­per­hafte Erfahrung nahe bringt, son­dern nichts weniger als (musikalis­che) Sozialar­beit ist. Das „Jugend horcht!“-Projekt der Münch­n­er Phil­har­moniker ist tra­di­tioneller aus­gerichtet (z.B. Probenbe­suche), hat aber einen Trumpf in der Hand, näm­lich von Schülern selb­st mod­erierte Konz­erte. „Tre­ff­punkt Phil­har­monie“ der Robert-Schu­mann-Phil­har­monie Chem­nitz schafft Nähe und Ein­bindung, also emo­tionale Kon­tak­te, durch Paten­schaften von Orch­ester­musik­ern für Schulk­lassen.
Alle Prob­lem­felder dieser Ver­mit­tlungsar­beit wer­den vorgestellt: man­gel­ndes Per­son­al, ehre­namtliche Mehrar­beit, Wider­stände der Schulleitung und Lehrerkol­le­gen wegen Unter­richtsver­säum­nis­sen sowie die Prob­leme von über­forderten Orch­ester­musik­ern, die keine päd­a­gogis­che Aus­bil­dung haben. Die Erfolge wer­den, wenn nicht bewiesen, so doch glaub­haft beschrieben. Ger­mann sieht zwar Spon­soren in der Pflicht, zweifelt aber an der Nach­haltigkeit und entlässt den Staat keineswegs aus der Ver­ant­wor­tung. Auch nicht aus der Ver­ant­wor­tung, für Ver­hält­nisse zu sor­gen, die den von ihr zitierten Hans Gün­ter Bas­t­ian dazu brin­gen, einen KMK-Bericht als „fan­tasievollen Soll­bericht“ und die ange­sproch­enen Stun­den­dep­u­tate schulis­chen Musikerun­ter­richts als „Licht­jahre ent­fer­nt“ von der Real­ität zu beze­ich­nen.
Musikver­mit­tlung – ein Spa­gat zwis­chen zwangsläu­fig eigen­nützi­gen jugen­dori­en­tierten Mar­ket­ingstrate­gien und moralisch-päd­a­gogisch ori­en­tiertem Gemein­nutz? Sabine Ger­manns schmalem Bänd­chen gelingt es, die Idee zu stärken, dass bei­des zusam­men­passt.
Gün­ter Matysiak