Bollmann, Ralph

Walküre in Detmold

Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Klett-Cotta, Stuttgart 2011
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 68

Auf dem Buch­cov­er ste­ht eine Walküre an der Bushal­testelle. Eine Walküre in Det­mold? Das Buch hätte auch „Fide­lio in Neustre­litz“ oder „Orpheus in Coburg“ heißen kön­nen. Let­ztlich han­delt es sich bei dem Buch um eine sach­lich infor­ma­tive, unro­man­tis­che Liebe­serk­lärung an die weltweit einzi­gar­tig dichte Opern­land­schaft in Deutsch­land. Auf den Rek­tor der Weimar­er Musikhochschule und ehe­ma­li­gen Berlin­er Kul­turse­n­a­tor Christoph Stöl­zl geht der Spruch zurück: „Deutsch­land ist, wenn man mit dem Fahrrad zur Zauber­flöte fahren kann.“ Das ist zusam­menge­fasst auch das Leit­bild des Buchs von Ralph Boll­mann.
Nicht als Kultur‑, son­dern als Poli­tik- und Wirtschaftredak­teur ist Boll­mann eigentlich tätig. Was 1997 begann, zunächst als reines Ferien­vergnü­gen in Form eines Opernbe­suchs in Neustre­litz, wurde bald zur fix­en Idee, fast zur Besessen­heit: Boll­mann bereiste bis Ende 2010 in Deutsch­land 81 Orte und sah dort 84 Opern. Seine Ein­drücke und Beobach­tun­gen fasste er in einem Buch zusam­men. Da eben nicht Feuil­leton­ist, son­dern Wirtschaft­sjour­nal­ist geht es um die kün­st­lerischen Leis­tun­gen der Ensem­bles oft nur am Rande. Das ist auch nicht weit­er schlimm. Denn im Mit­telpunkt ste­hen sub­jek­tive Ein­drücke von allen deutschen Groß‑, Mit­tel- und Kle­in­städten, die über ein Opern­haus ver­fü­gen. Reisebeschrei­bun­gen der beson­deren Art: ein wenig Lokalgeschichte, ganz aktuell oder zurück bis zur Grün­dung des Opern­haus­es, die Aufgeschlossen­heit der Men­schen in der Stadt, und – ganz wichtig – ob man nach dem Opernbe­such auch noch etwas zu essen und trinken bekom­men kann. Man fühlt sich gele­gentlich an Roger Willem­sens Beobach­tun­gen aus sein­er Deutsch­landreise (2002) erin­nert. Opern­lieb­haber kön­nten das Buch auch sehr gut als Ideenge­ber für die näch­ste Kurzreise „in die Prov­inz“ ver­wen­den, die in eini­gen Fällen aber gar nicht so prov­inziell ist.
Man nimmt das Buch gerne zur Hand, denn sach­lich Infor­ma­tives ist gelun­gen mit einem anek­do­tis­chen Flair kom­biniert. Inten­dan­ten, Dra­matur­gen, Kapellmeis­ter, Sänger, Schaus­piel­er kom­men zu Wort, bericht­en über ihre Erfahrun­gen, an kleineren Stan­dorten halb­wegs anspruchsvolles Musik­the­ater zu machen. Aber auch Ein­drücke von Gast­wirten, Hotelbe­sitzern, Stadt­führern und Men­schen auf der Straße brin­gen eine gute Por­tion Lokalkolorit in das Buch. Dass sich örtliche Ver­hält­nisse seit Beginn der Opern­reise im Jahr 1997 verän­dert haben, tut der Lek­türe keinen Abbruch, denn meis­tens liefert der Autor neuere Querver­weise und Aktu­al­isierun­gen. Beson­ders inter­es­sant wird es an den Stellen, an denen der Autor ein Opern­haus im Abstand mehrerer Jahre erneut besucht hat. Nach Neustre­litz kehrt er mehrfach zurück, auch nach Dessau oder Weimar.
Wer sich einen Überblick über die immer noch reiche deutsche Opern­land­schaft ver­schaf­fen will, wird mit dem Buch sehr gut bedi­ent. Es eignet sich beson­ders als Geschenk für den Musik­lieb­haber.
Ger­ald Mertens