August Winding

Violinkonzert

op. 11, Partitur/ Klavierauszug, hg. von Walter F. Zielke

Rubrik: Noten
Verlag/Label: AlbisMusic
erschienen in: das Orchester 04/2021 , Seite 63

Auf der Suche nach Reper­toirelück­en erweisen sich kleine Ver­lage – meist wahre Einzelun­ternehmungen – gerne als beson­ders find­ig. Das Schema ist dabei immer das­selbe, und es bezieht sich meist auf die schein­bar unprob­lema­tis­che Musik des 19. Jahrhun­derts. Denn statt von inter­es­san­ten Werken nach aufwendi­ger Quel­len­recherche eine ordentliche Aus­gabe vorzule­gen, wird in Bib­lio­theken und Archiv­en gle­ich an den Rän­dern des Reper­toires gestöbert. Kommt hie und da tat­säch­lich eine im dop­pel­ten Sinne uner­hörte Kom­po­si­tion zum Vorschein, han­delt es sich meist eben doch bloß um ein Werk, das nicht ohne Grund einst unge­druckt blieb. Das Vio­linkonz­ert op. 11 von August Wind­ing gehört zwar auch auf den zweit­en Blick nicht in diese Kat­e­gorie, jedoch ist es hier ein­mal mehr die Aus­gabe, an der man sich stören kann. Doch der Rei­he nach.
August Wind­ing (1835–1899) gehört zu jen­er Gen­er­a­tion, die dem „Gold­e­nen Zeital­ter“ in Däne­mark nach­fol­gte, jen­er Zeit, in der sich unter den Kom­pon­is­ten Niels W. Gade und J. P. E. Hart­mann das bürg­er­liche Musik­leben Kopen­hagens insti­tu­tion­al­isierte. Von Carl Rei­necke (damals noch Hof­pi­anist) am Flügel und Gade (dem späteren Hofkapellmeis­ter) in Kom­po­si­tion aus­ge­bildet, schuf Wind­ing vor allem Werke, die er selb­st am Klavier auf­führte, darunter ein Klavierkonz­ert, das man unbe­d­ingt mit dem­jeni­gen von Edvard Grieg par­al­lel hören sollte: Es ist nahezu zeit­gle­ich niedergeschrieben, ste­ht eben­falls in a‑Moll und wird auch als op. 16 gezählt.
Etwas eher ent­stand 1866 das Vio­linkonz­ert op. 11, das am 2. März 1867 von Wil­helmine Neru­da mit dem Orch­ester des Kopen­hagen­er Musikvere­ins uraufge­führt wurde. Zwanzig Jahre später rev­i­dierte Wind­ing die Par­ti­tur grundle­gend – und diese Fas­sung liegt nun erst­mals gedruckt vor.
Hier aber begin­nen die Prob­leme ein­er vor allem gut gemein­ten Aus­gabe in einem Ver­lag, der in seinem Kat­a­log wirbt mit „HQ first edi­tions that leave noth­ing to be desired“. Ja, der Noten­satz der Par­ti­tur ist wirk­lich sehr anständig vom Her­aus­ge­ber selb­st erstellt wor­den. Und den­noch stören schon beim ersten Lesen die durchge­hend divisi gehal­sten und durch­pausierten Bläs­er. Das For­mat (auch des neu ein­gerichteten Klavier­auszugs) ist in einem POD-fre­undlichen DIN-A4-For­mat gehal­ten (die Aus­gabe ist nur über einen Online-Dien­stleis­ter zu beziehen).
Dem Vor­wort ist schließlich anzumerken, dass hier vor allem mit Begeis­terung zu Werke gegan­gen wurde: Warum etwa wird das Urauf­führungs­da­tum des Konz­erts nicht genan­nt, warum kein Wort ver­loren über Art und Umfang von Wind­ings Revi­sion, was möglicher­weise auf­führung­sprak­tisch erhel­lend gewe­sen wäre? Der im Vor­wort inkludierte (!) Kri­tis­che Bericht ver­di­ent seinen Namen nicht. Wed­er eine Quel­lenbeschrei­bung noch konkrete Anmerkun­gen zum Noten­text sind enthal­ten. Wie aber her­aus­ge­berisch ins Orig­i­nal einge­grif­f­en wurde, lässt sich im Ver­gle­ich mit den drei beige­fügten Fak­sim­i­les nachvol­lziehen (Dynamik, Phrasierung, Stim­mung der Hörn­er). Klein­er Tipp: Die Tak­tzahlen soll­ten stimmen.
Michael Kube