Martin Geck (Hg.)

Und über allem schwebt Richard

Minna Wagner und Cäcilie Avenarius: Zwei Schwägerinnen im Briefwechsel

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms, Hildesheim 2021
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 68

Immer noch – die 1976/77 veröf­fentlichen Tage­büch­er von Cosi­ma Wag­n­er sind die Aus­nahme, die diese Regel bestäti­gen – ist der Blick auf Richard Wag­n­er über­wiegend geprägt von ein­er männlichen Sicht: ange­fan­gen bei ihm selb­st durch seine auto­bi­ografis­chen Schriften und gefol­gt von ein­er Vielzahl an Inter­pre­ten, die sich seinem Leben und Werk wid­men. Erst allmäh­lich kommt auch ein ander­er Blick­winkel zum Tra­gen, durch Autorin­nen, die sich mit ihm und/oder seinen Frauen befassen.
Ein­er der weni­gen Experten, die sich gezielt schein­bar abseit­i­gen weib­lichen Quellen zugewen­det haben, ist der 2019 ver­stor­bene Mar­tin Geck. Er hat, behut­sam kom­men­tierend, einen Briefwech­sel her­aus­gegeben, der erst jet­zt erschienen ist und es dur­chaus in sich hat. Denn was Wag­n­ers Halb­schwest­er Cäcilie Ave­nar­ius (1815–1893) und seine erste Ehe­frau Min­na (1809–1866) sich in deren let­zten sieben Leben­s­jahren zu sagen hat­ten, kratzt empfind­lich am Bild des ange­blich gen­erösen Stro­hwitwers Richard.
Bis auf einige frühe Briefe geht es im Wesentlichen um die Zeit zwis­chen der Vol­len­dung und Urauf­führung von Tris­tan und Isol­de – eine Phase dieser kom­plizierten, dreißig Jahre währen­den und erst mit Min­nas Tod enden­den Ehe, in der die ehe­ma­lige Schaus­pielerin und ihr fast vier Jahre jün­ger­er Kün­st­ler­gat­te mit weni­gen Aus­nah­men nicht mehr zusam­men­leben. Umso mehr „schwebt“, wie der Buchti­tel ver­heißt, Richard über allem und allen. Allerd­ings ohne Heili­gen­schein. Denn seine jün­gere Halb­schwest­er, die er auch besuch­sweise links liegen lässt, sowie die physisch wie psy­chisch herzkranke Min­na lassen an ihm sel­ten ein gutes Haar. Was ver­ständlich ist, wenn man sich vorstellt, was es heißt, die Ange­traute eines lange erfol­glosen, stets Schulden machen­den, steck­brieflich gesucht­en und Seit­en­sprün­gen nie abgeneigten Dichterkom­pon­is­ten zu sein.
Natür­lich spiegelt die Kor­re­spon­denz Wag­n­ers Affären und all die Schlagzeilen, die sich um ihn ranken, die große Bit­terkeit der ver­lasse­nen Min­na, die emo­tion­al und finanziell von ihm abhängig bleibt. Sie muss sich mit Ver­mi­etun­gen über Wass­er hal­ten, pflegt aber noch bis kurz vor ihrem Tod ihre Art von Gat­ten­treue, indem sie ihm sog­ar öffentlich seine Für­sorge bezeugt.
Ein ständi­ges The­ma des Briefwech­sels sind Kuraufen­thalte; sie scheinen damals neben zwar lin­dern­den, aber gifti­gen Medika­menten wie Dig­i­tal­is, Chinin und Mor­phi­um das einzige Mit­tel zu sein, kör­per­lich zeitweise aufat­men zu können.
Darüber hin­aus wird aber auch der All­t­ag zweier bürg­er­lich­er Frauen abge­bildet, der sich wenig um Kun­st und mehr um die Groß­fam­i­lie dreht, um kleine und große Sor­gen – und ums Geld. „Richard wird noch sehr mode wer­den“, schreibt Min­na prophetisch an ihre Schwägerin, „und er kann damit noch viel Geld ein­nehmen, was er bald auch wieder ver­brauchen wird. Der Kün­stler ist groß“, stellt sie nüchtern fest, „der Men­sch desto klein­er. Man soll nie ver­sucht sein den ersten von dem let­zteren zu trennen.“
Moni­ka Beer