Scheit, Gerhard / Wilhelm Svoboda

Treffpunkt der Moderne

Gustav Mahler, Theodor W. Adorno, Wiener Traditionen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Sonderzahl, Wien 2010
erschienen in: das Orchester 10/2010 , Seite 69

Das Werk Gus­tav Mahlers ste­ht auf der Schnittstelle zwis­chen Tra­di­tion und Mod­erne. Der Diri­gent Michael Gie­len bringt dieses Phänomen tre­f­fend auf den Punkt, indem er im Gespräch mit den bei­den Wiener Kul­tur­wis­senschaftlern Ger­hard Scheit und Wil­helm Svo­bo­da betont, dass Mahler „die Inhalte des 20. Jahrhun­derts mit der Sprache des 19.“ über­mit­tle. Diese Fest­stel­lung bildet gewis­ser­maßen den Aus­gangspunkt für die facetten­re­iche und über weite Streck­en an Theodor W. Adornos Mahler-Schriften ori­en­tierte Pub­lika­tion von Scheit und Svo­bo­da. In Auseinan­der­set­zung mit der Zweit­en Wiener Schule spüren sie Mahlers Posi­tion in der Mod­erne nach und fügen dem Buch außer­dem auf­schlussre­iche Inter­views über Mahlers Musik mit Michael Gie­len, der Musikolo­gin Her­ta Blaukopf und der Kom­pon­istin Olga Neuwirth über Mahlers Musik an.
In ihren Forschun­gen stoßen Scheit und Svo­bo­da ver­schiedentlich auf die Tat­sache, dass die Mahler-Rezep­tion bis heute von anti­semi­tis­chen und anti­mod­er­nen Ressen­ti­ments durch­zo­gen ist – ins­beson­dere in Wien, wo Mahler von 1897 bis 1907 als Hofoperndi­rek­tor wirk­te. Dies bele­gen sie mitunter an drastis­chen Beispie­len. So lehnte der musik­wis­senschaftliche Ordi­nar­ius Erich Schenk, über 1945 hin­aus ein überzeugter Anti­semit, lange nach dem Ende der NS-Herrschaft eine Dok­torar­beit über den Mahler-Zeitgenossen Franz Schrek­er ab, weil man bei ihm „über einen Juden“ nicht dis­sertieren könne. Der­selbe Erich Schenk war ehe­dem Mitar­beit­er beim Völkischen Beobachter und recher­chierte fürs Lexikon der Juden in der Musik, das Mahler als „fanatis­chen Typus des ostjüdis­chen Rab­bin­ers“ beschrieb. Nichts­destotrotz druck­ten die Wiener Phil­har­moniker noch 1990 in einem Pro­grammheft unkom­men­tiert einen Mahler-Beitrag von Schenk ab, als han­dle es sich bei diesem um einen unbescholte­nen Mahler-Ken­ner.
Anti­semi­tis­che Ressen­ti­ments sind in der neueren Mahler-Rezep­tion zwar nicht mehr direkt zu erken­nen, doch wur­den sie durch anti­mod­erne erset­zt. „Die Forsch­er set­zen stattdessen auf die Quellen, die Diri­gen­ten aufs Gefühl, die Jour­nal­is­ten auf die Phrase“, so die Bilanz von Scheit und Svo­bo­da über die gegen­wär­ti­gen Ten­den­zen in der Mahler-Rezep­tion. Tat­säch­lich sei die Mod­erne jedoch gen­uin bei Mahler zu verorten – ins­beson­dere in dessen „Drang zur Desin­te­gra­tion“: Einzelne musikalis­che Ein­fälle und Gesten wür­den in Mahlers Musik nicht ein­fach in die Gesamtidee des Werks inte­gri­ert, son­dern behiel­ten ihre Autonomie zumin­d­est ein Stück weit bei. Die Mod­erne bildet für die bei­den Kul­tur­wis­senschaftler aber freilich keinen erratis­chen Block, son­dern ein von (bisweilen unau­flös­baren) Wider­sprüchen durch­zo­genes Feld, was sich wiederum bei Mahler in beson­der­er Deut­lichkeit man­i­festiere: „An der Musik Mahlers wurde deut­lich, dass die Mod­erne sel­ber ver­schiedene, ineinan­der nicht auflös­bare For­men bein­hal­tet, die den­noch aufeinan­der ver­weisen und darum eine Bes­tim­mung dessen, was Mod­erne über­haupt ist und sein kann, in einem anderen Sinn notwendig machen, als es der bloße Stil- und Epochen­be­griff zu leis­ten ver­mag.“
Fritz Trümpi