Quasthoff, Michael

Thomas Quasthoff

Der Bariton

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Berlin 2006
erschienen in: das Orchester 03/2007 , Seite 78

Natür­lich ken­nt jed­er Leser ihn, dem bere­its als Kleinkind die Beschäf­ti­gung mit Liedern und Tex­ten größtes Vergnü­gen bere­it­ete. Stun­den­lang ver­har­rte er tagsüber vor dem Radio, um nachts seinen Brud­er mit eige­nen Inter­pre­ta­tio­nen des zuvor Gehörten zu über­raschen.
Die Stimme nan­nte Thomas Quasthoff seine eben­falls im ver­gan­genen Jahr erschienene Auto­bi­ografie. Schön und gut zwar, dass und wie er aus dem Nähkästchen seines reichen Lebens plaud­erte, aber ein paar Fotos hät­ten das Ganze noch per­sön­lich­er wer­den lassen. Der Hen­schel-Ver­lag bere­it­et diesem Man­gel ein Ende, indem er Thomas’ älteren Brud­er Michael beauf­tragte, ein Fotoal­bum mit Auf­nah­men seines Brud­ers zusam­men­zustellen und mit Text zu umrah­men. Um das Glück des Quasthoff-Fans vol­lkom­men zu machen, liegt dem Buch eine eigens für den Bild­band neu einge­spielte CD bei: Betra­chte meine Seel – Geistliche Arien ist eine Zusam­men­stel­lung berühmter Arien aus den Ora­to­rien von Bach, Hän­del, Haydn, Mendelssohn und zu guter Let­zt zweier Tra­di­tion­als: Swing low, sweet char­i­ot und Deep Riv­er. Quasthoff zeigt hier seine Ver­bun­den­heit auch mit außerk­las­sis­chen Gen­res wie dem Jazz und dem Gospelge­sang, der ihm nach ein­er ein­dringlichen Kind­heit­ser­fahrung am Herzen liegt – alles nachzule­sen im Text.
Die an sich schon fan­tastis­che Staatskapelle und der Staat­sopern­chor Dres­den haben sich zu musikalis­ch­er Hochleis­tung ani­mieren lassen und umman­teln die Gesangslin­ie mit samtwe­ichen Klän­gen, begleit­en unge­mein sen­si­bel und inter­agieren aufs Fein­ste mit dem Sänger.
Das CD-Book­let enthält ein Gespräch der Brüder Thomas und Michael, dessen Grundtenor eben­so tief men­schlich und humorig ist wie der Text des Bild­bands: Begin­nend mit einem sehr polaren Ver­gle­ich der Brüder, aus dem kein­er­lei Rival­ität, nur tiefe Achtung spricht, erzählt Michael vol­lkom­men unbe­fan­gen und qua­si aus der Sicht des Drei­jähri­gen von den ersten Ein­drück­en, die er von seinem Brud­er hat­te. Was Beson­deres sei er gewe­sen, das hat­te er gle­ich gese­hen: keine Arme, kaum Beine, aber ein durch­drin­gen­des Organ, das dazu diente, dass sein Wille auch sich­er und unver­richteter Dinge erfüllt würde.
Im weit­eren Text, der sowohl per­sön­liche Erfahrun­gen mit dem Brud­er als auch die öffentlichen Sta­tio­nen von Thomas Quasthoffs Leben in den Vorder­grund rückt, zeigt sich stets die tiefe Ver­bun­den­heit und Liebe zum sin­gen­den Brud­er. Die zahlre­ichen Bilder zeigen Thomas Quasthoff in allen Lebensla­gen und jedem Alter, das Zusam­men­wirken von Text und Musik zeigt zu Herzen gehende Authen­tiz­ität, sowohl den Sänger als auch den Men­schen Thomas Quasthoff betr­e­f­fend.
Kathrin Feldmann