Johannes Brahms

The Symphonies

Musikkollegium Winterthur, Ltg. Thomas Zehetmair

Rubrik: CD
Verlag/Label: Claves Records
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 68

Brahms und Win­terthur: schon zu Lebzeit­en des Kom­pon­is­ten eine gewinnbrin­gende Beziehung für bei­de Seit­en. Brahms hielt sich dort wieder­holt und sehr gerne bei der Fam­i­lie Rieter-Bie­der­mann, wo auch eifrig musiziert wurde, auf. Vor allem jedoch fand er im Fam­i­lienober­haupt Jakob Mel­chior einen  geschätzten Musikver­leger, der ins­ge­samt 22 sein­er Kom­po­si­tio­nen veröf­fentlichte. Die bei­den führten einen regen Briefverkehr miteinan­der.
Mit einem sech­stägi­gen Brahms-Fes­ti­val krönte Thomas Zehet­mair, der seit Beginn der Sai­son 2016/17 bis August 2019 Chefdiri­gent des Musikkol­legiums Win­terthur gewe­sen ist, seine let­zte Konz­ert­sai­son. Die vor­liegen­den vier Sym­phonien wur­den hier einge­spielt. Zuvor hat Zehet­mair sich nach sein­er eige­nen Aus­sage bere­its „mit­tler­weile etwa fün­fzehn Jahre“ lang mit ein­er speziellen und wichti­gen auf­führung­sprak­tis­chen Quelle beschäftigt, und zwar mit dem „Meiniger Konzept“ von Fritz Stein­bach, der für eine lange Tra­di­tion eigen­er Dirigier­prax­is ste­hen soll.
Brahms selb­st war bekan­ntlich oft in Meinin­gen, dirigierte die Urauf­führung sein­er let­zten Sym­phonie und soll Stein­bach für den besten Inter­pre­ten sein­er Werke gehal­ten haben. Jenes Konzept soll unter anderem den „dick­en Brahms-Klang in seine Bestandteile“ auflösen und Neues ans Tages­licht brin­gen. Für Zehet­mair waren ins­beson­dere jene Ideen und Beschrei­bun­gen inspiri­erend, die sich auf die „agogis­chen und rhyth­mis­chen Frei­heit­en“ beziehen, dabei „har­monis­che Wen­dun­gen auf­spüren, um sie richtig auszubal­ancieren und ver­steck­te Zusam­men­hänge offen­zule­gen“. Er wollte so durch die unglaublichen Wun­der führen, die „bei einem Meis­ter­w­erk passieren“.
Mit wachem Sinn hört man nun ganz genau zu, ob Brahms’ Musik im neuen Gewand ertönt. Tat­säch­lich erscheint der Orch­ester­satz jew­eils durch­sichtig und gelöst, die Bläs­er strahlen im Glanze. Zehet­mair set­zte wohl ger­ade da eine kam­mer­musikalis­che Feile an, sodass sie wun­der­bar und aus­drucksvoll spie­len kön­nen. Auf Fritz Stein­bach geht wohl die Her­vorhe­bung der bemerkenswerten Elas­tiz­ität der Zeit­maße zurück, die bekan­ntlich zu Brahms’ beson­deren Stileigen­tüm­lichkeit­en gehören. Trotz der häu­fi­gen agogis­chen Frei­heit­en in einem Mehr und Weniger, die roman­tis­che Gegen­sät­zlichkeit charak­ter­isieren, drückt Zehet­mair die großen Melodiebö­gen rel­a­tiv ein­heitlich und organ­isch aus, und das in fließen­den Bewe­gun­gen mit feinem Puls und mod­er­at­en Tem­pi, und zwar nicht nur in der ersten Sym­phonie. Aus­ge­sprochen gelun­gen gestal­tet sich hier­bei die dritte Sym­phonie, worin der Diri­gent ein feines Ver­ständ­nis für die Stim­mverästelun­gen zeigt, er die oft starken Gegen­sätze zu ein­er inneren Ein­heit ver­schmilzt. Ins­beson­dere der langsame, sehr intim gestal­tete Satz ver­strömt eine verk­lärte Schön­heit des Klanges. Dage­gen scheint das Orch­ester in der e-Moll-Sym­phonie seine Gren­zen zu spüren, obwohl auch hier Aus­druck und Dynamik gut aus­tari­ert sind, während die zweite sich durch Vital­ität, Inten­sität und hoher Spiel­freude ausze­ich­net.
Wern­er Boden­dorff