Martin Wulfhorst

The Orchestral Violinist’s Companion

2 Bände (englisch)

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2013
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 62

Semes­ter für Semes­ter, Jahr für Jahr ver­lassen junge Geiger aus­ges­tat­tet mit Diplomen und jed­er Menge Ide­al­is­mus nach Jahren inten­sivem Studi­ums ihre Hochschulen und begeben sich auf die Suche nach einem Job in einem möglichst guten Orch­ester. Trotz zumeist beträchtlichem Kön­nen sind viele von ihnen nicht wirk­lich auf den All­t­ag im Orch­ester, auf die Real­itäten und Anforderun­gen des Berufs vor­bere­it­et, die sich je nach Typ des Ensem­bles (Opern‑, Rundfunk‑, Konz­ert- und Reise‑, Kam­merorch­ester, Ensem­ble mit Schw­er­punkt Neue Musik usw.) noch ein­mal erhe­blich voneinan­der unter­schei­den kön­nen. Dies begin­nt mit der Proze­dur des Probe­spiels, set­zt sich fort mit dem Ver­such des schnell­st­möglichen Zurechtfind­ens im neuen Ensem­ble, von dessen Gelin­gen das Beste­hen der Probezeit abhängt, und endet auch für den etablierten Orch­es­ter­geiger keineswegs mit Dienst‑, sprich Proben- oder Vorstel­lungss­chluss. Schließlich will man den Beruf über eine lange Zeitspanne hin­weg niveau­voll ausüben, was Strate­gien erfordert, wie mit den kün­st­lerischen Her­aus­forderun­gen, aber auch mit den beträchtlichen kör­per­lichen und men­tal­en Belas­tun­gen umzuge­hen ist. Fehlt das nötige Rüstzeug, so schlägt Ide­al­is­mus schnell in Frus­tra­tion um, die Freude an Musik und Beruf weicht rasch einem Gefühl, per­ma­nent durch die Mühlen ein­er gnaden­losen Maschiner­ie gedreht zu wer­den, was jenen destruk­tiv­en Zynis­mus fördert, den wir aus manchem Orch­ester ken­nen.
Mar­tin Wulfhorst, seit lan­gen Jahren 2. Konz­ert­meis­ter der Ham­burg­er Sym­phoniker, hat jet­zt mit The Orches­tral Violinist’s Com­pan­ion ein Hand­buch in englis­ch­er Sprache vorgelegt, in dem er nahezu jeden erden­klichen Aspekt des Jobs eines Orch­es­ter­geigers einge­hend unter die Lupe nimmt, eine Art orch­es­teror­i­en­tiertes Gegen­stück zu Fleschs Die Kun­st des Vio­lin­spiels. Was Wulfhorst hier alles zusam­menge­tra­gen hat, ver­di­ent höch­sten Respekt. Gle­ich­es gilt für die Kom­pe­tenz und Anschaulichkeit der Darstel­lung. Er wid­met sich aus­führlich und sys­tem­a­tisch zahlre­ichen geigerischen und musikalis­chen Fra­gen, präsen­tiert bewährte, effek­tive Übetech­niken (hier greift vieles über den spez­i­fisch orches­tralen Bere­ich hin­aus), befasst sich detail­liert mit Stilis­tik und spez­i­fis­ch­er Nota­tion. Wie bere­ite ich ein Probe­spiel vor, wie stelle ich mich auch men­tal darauf ein? Wie studiere ich schnell und zweck­mäßig ein? Was muss ich üben (das Prob­lem des „Noten­fressens“, ein Operngeigen­part hat oft einen Umfang von 90 Seit­en und mehr) und wie? Wie verbessere ich mein Blattspiel? Wie erhalte ich mir im All­t­ag meine geigerische, aber auch meine kör­per­liche und men­tale Fit­ness?
Das außeror­dentlich umfan­gre­iche Werk – zwei dicke Bände, dazu noch zahlre­iche weit­ere Kapi­tel als Down­load erhältlich aus dem Inter­net – untern­immt es, Antworten auf nahezu alle erden­klichen Fra­gen zu geben, in der Regel sehr überzeu­gende. Ob man dabei mit jedem Detail, mit jedem Fin­ger­satz- oder Strichvorschlag etc. ein­ver­standen sein mag, ist unwichtig. In dieser Sys­tem­atik und in diesem Umfang ist mir kein ver­gle­ich­bares Werk bekan­nt. The Orches­tral Violinist’s Com­pan­ion sei nicht nur Orch­es­ter­geigern nach­drück­lich emp­fohlen.
Her­wig Zack