Sandström, Sven-David / Ingvar Lidholm

The High Mass / Kontakion für Orchester

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Deutsche Grammophon DG 0289 4775111
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 87

Sven-David Sand­ström gehört zu den weni­gen Kom­pon­is­ten von Rang, die sich heute noch mit geistlich­er Musik beschäfti­gen. Soll man sagen: die sich dazu her­ablassen? Oder: die den Mut haben, das zu tun? Oder sog­ar: das Bedürf­nis? Die Kirche bei­der großen Kon­fes­sio­nen ist drauf und dran, ihre litur­gis­che Basis, mithin das Rit­u­al des spir­ituellen Erlebens, aufzuwe­ichen und die Kun­st aus ihren Mauern zu ver­ban­nen. Attrak­tive Aufträge und Anlässe winken da schon lange nicht mehr, was der in der Regel aufgek­lärten, reli­gions- und kirchenkri­tis­chen Hal­tung der meis­ten jün­geren Kom­pon­is­ten ent­ge­genkommt. Sand­ström, der aus der schwedis­chen Prov­inz stammt, wurde im Posaunen­chor musikalisch sozial­isiert. Er hat viele Gen­res aus­pro­biert: Drei Opern, darunter Das weiße Schloss, wur­den allein 1984 uraufge­führt, hinzu kamen große Orch­ester­stücke, die in aller Welt gespielt wur­den und wer­den. (Auf der Home­page von Swen­sk Music – http://www.mic. stim.de – spricht Sand­ström aus­führlich über seine Ästhetik).
Sven-David Sand­ström lebt in Ameri­ka; er unter­richtet an der Indi­ana Uni­ver­si­ty. Die Bezüge zur skan­di­navis­chen Musikheimat hat er nicht ver­loren. Und die umfasst in schön­er Tra­di­tion Chor­musik. Vor gut zehn Jahren, 1993/94, begab sich Sand­ström mit­ten hinein ins ver­waiste Zen­trum geistlich­er Musik. Im Auf­trag des schwedis­chen Rund­funks kom­ponierte er The High Mass, den öku­menis­chen Mes­se­text in 25 Num­mern, hierin der bach­schen h‑Moll-Messe ähn­lich. Die Nach­barschaft ist gewollt: Sand­ström machte es Spaß, wie er selb­st­be­wusst sagte, sich neben Bach zu set­zen. Das neun­zig­minütige Stück für Solostim­men, Chor, Orgel und großes Orch­ester ist aber auch ein großer Wurf. Es ist und macht im wahrsten Sinne des Wortes „high“. Drei Sopranstim­men und zwei Mez­zos bilden die Solis­ten-Crew; und auch der Chor wird immer wieder in die Höhe geführt.
Sand­ström, längst dem unschar­fen Avant­garde-Begriff abhold, wollte die Men­schen mit sein­er Musik berühren. Und das geschieht vom ersten Ton an. Keine tra­di­tionelle Demutsgeste ver­stellt den Auf­schrei nach Erbar­men im „Kyrie“. In ambiva­len­ter Tonal­ität torkeln die „Gloria“-Rufe. Der Friedenswun­sch fällt, wie später auch das „Et incar­na­tus est“, in min­i­mal­is­tis­che Struk­turen. Im „Glo­ria“ wer­den sie durch das erup­tiv-eksta­tis­che „Gra­tias agimus“ abgelöst, hin­ter dessen schw­eren Schlagzeug-Gewit­tern sil­brige Orgelk­länge glänzen. Im „Cre­do“ fol­gen streng hüpfende Notre-Dame-Schule-Rhyth­men und gefüh­lige Sex­tengänge auf das „ex Maria vir­gine“. In dieser Messe passiert ständig etwas Neues, Über­raschen­des. Hören in the­ol­o­gis­chen Abbildern, wie man es von Bach gewöh­nt ist, führt hier kaum zu einem nen­nenswerten Erken­nt­niswert. „Qui sedes“ im kon­tra­punk­tisch beschwingten Walz­er-Takt, das „Mis­erere nobis“ als Par­o­die auf den Kult der hohen Töne des Sopran-Gewerbes, das rhyth­misch kom­plexe „Cum sanc­to spir­i­tu“ in akzen­tu­iertem Dri­ve oder der von einem flügelle­icht­en „Et res­ur­rex­it“ abgelöste, wuchtige „Crucifixus“-Trauermarsch – Sand­ström macht mit viel Fan­tasie aus The High Mass ein berauschen­des Klanger­leb­nis über dif­fizilen Struk­turen.
Die vor­liegende Auf­nahme ist die zweite auf dem Markt befind­liche. Sie ent­stand während des Bach­fests Leipzig 2003 und lässt, trotz (oder wegen?) des Live-Charak­ters, keine Wün­sche offen. Ergänzt wird sie durch das gän­zlich anders geart­ete Kon­takion (1978) von Sand­ströms Lehrer Ing­var Lid­holm: eine flächige, vor­wiegend die Stre­ich­er beschäfti­gende Musik von modaler Har­monik und altertüm­lichem melodis­chen Ges­tus.
The High Mass ist eine Konz­ert­saalmesse. Hier­hin ist die bewe­gende geistliche Musik seit langem aus­ge­wan­dert und hier sollte die Messe oft aufge­führt wer­den, ein dankbares Stück für Chöre, Orch­ester und fürs Pub­likum. Vielle­icht seit Beethovens Mis­sa solem­nis hat es keine so große, sub­jek­tive und erratis­che Herzens­musik mehr gegeben. Sand­ström macht indes weit­er: Nach dem 2005 beim Europäis­chen Musik­fest Stuttgart uraufge­führten Mag­ni­fi­cat har­rt im Früh­jahr 2006 in Stock­holm seine Pas­sion ihrer Pre­miere.
Andreas Bom­ba