Mahler, Gustav

Symphony X

for large orchestra, realisation and elaboration of the unfinished drafts by Yoel Gamzou, International Mahler Orchestra, Ltg. Yoel Gamzou

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 5122 2
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 62

Gus­tav Mahlers bei seinem Tod 1911 nur in Frag­menten und Entwür­fen hin­ter­lassene 10. Sin­fonie ist ein einzi­gar­tiger Fall der Musikgeschichte. Dieses Kapi­tel ver­sucht 100 Jahre später der junge israelisch-amerikanis­che Diri­gent und Kom­pon­ist Yoel Gam­zou mit ein­er muti­gen Ini­tia­tive neu zu deuten. Dies trotz all der bish­eri­gen Erörterun­gen und Bemühun­gen um diesen Nach­lass.
Bere­its in ein­er 1913 erschiene­nen Mono­grafie des sich für Mahlers Musik ein­set­zen­den Richard Specht heißt es: „Dieses Werk wird … niemals zum Erklin­gen gelan­gen. Mahler forderte, dass es nach seinem Tod ver­bran­nt werde.“ Trotz­dem ließ Alma Mahler – wom­öglich auch gemäß ander­er Maß­gabe ihres Gat­ten – 1924 die Skizzen im Fak­sim­i­le druck­en und bat den jun­gen Kom­pon­is­ten Ernst Krenek, eine auf­führbare Par­ti­tur zu erstellen. Er wählte das eröff­nende Ada­gio und den drit­ten Satz Pur­ga­to­rio, berat­en von Alban Berg, zur Bear­beitung aus. Diese Par­ti­turen wur­den in Wien durch Franz Schalk und in Prag durch Alexan­der von Zem­linksy aufge­führt.
Alma Mahlers Anfra­gen in den 1940ern bei Schostakow­itsch und Schön­berg, die ganze Sin­fonie zu erstellen, hat­ten keinen Erfolg. Andere gin­gen indes von sich aus an die Arbeit, ori­en­tiert am ver­meintlich typ­isch „Mahlerischen“, einem Nebeneinan­der von hohem Ernst und zitiertem Triv­ialem. Was ent­stand dabei? Ist das Mahlers Musik in Abwe­sen­heit ihres Erfind­ers? Der Englän­der Deryck Cooke war am erfol­gre­ich­sten. Seine 1959 begonnene „Konz­ert­fas­sung“ hat Berthold Gold­schmidt 1964 in Lon­don uraufge­führt. Anerken­nung fand auch die 2001 vorgestellte Fas­sung des Russen Rudolf Bar­shai. Und jet­zt also Yoel Gam­zou, der sein Pro­jekt mit einem enthu­si­astis­chen Essay begleit­et. Ähn­lich wie Cooke seine Arbeit „in kein­er Weise eine ‚Vol­len­dung‘ oder ‚Rekon­struk­tion‘“ nan­nte, sieht Gam­zou jede Bear­beitung als „extrem heikel, ethisch schwierig“ an. Doch habe er sich „voll­ständig der Vorstel­lung von den Inten­tio­nen des Kom­pon­is­ten unter­ge­ord­net“.
Das von Mahler am weitesten aus­ge­führte, oft gespielte und aufgenommene Ada­gio über­rascht bei ihm mit extrem leisem Beginn. Aus dem Bratschen­the­ma blüht das Orch­ester erst allmäh­lich auf. Uner­wartete Tem­po­v­ari­a­tio­nen sor­gen für mehr Span­nung als gewohnt, und größere dynamis­che Kon­traste bieten den starken, beredten Aus­druck. In den kam­mer­musikalis­chen Details – wun­der­bar musiziert – fall­en neuar­tige Far­ben auf. In fast völ­lige Stille bricht extrem laut der erste Clus­ter zum Auf­bau des neun­töni­gen „Katas­tro­phenakko­rds“ here­in, der dann dumpf und ver­hangen erklingt. Der Abge­sang führt zum fast nicht mehr Hör­baren. – Das Scher­zo – sei es brachial heftig oder lyrisch intim – ist in jed­er Sekunde pack­end. Das Pur­ga­to­rio hat in nur fünf Minuten eine riesige Band­bre­ite. Eine Achter­bahn der Visio­nen ist das Alle­gro pesante. Das Finale – die „Botschaft der Akzep­tanz des Schick­sals“, so Gam­zou – kann tief berühren. War es beim Ada­gio noch Verblüf­fung, die sich ein­stellte, so ist es am Ende Begeis­terung.
Gün­ter Buh­les