Negri, Antonio Eros

Symbolum Apostolorum

für gemischten Chor (SSAATTBB), Chorpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2014
erschienen in: das Orchester 03/2015 , Seite 76

Die Biografie und das Schaf­fen dieses ital­ienis­chen Kom­pon­is­ten und Hochschullehrers, Chor­leit­ers und Orch­ester­grün­ders, Musik­forsch­ers und Gewin­ners zahlre­ich­er Preise und Ausze­ich­nun­gen ver­weisen auf eine Per­sön­lichkeit voller faszinieren­der Facetten. 1964 in Mai­land geboren, wuchs Anto­nio Eros Negri in ein­er Kul­tur auf, in der die Tra­di­tio­nen des Ambrosian­is­chen Gesangs fortleben und zu ein­er Inspi­ra­tionsquelle sein­er Musik wur­den. Negri studierte Har­monielehre und Kon­tra­punkt am Giuseppe-Ver­di-Kon­ser­va­to­ri­um in Mai­land und erwarb Diplome in Orgel- und Cem­balospiel und in Kom­po­si­tion. 1982 wurde er Organ­ist und Chor­leit­er an San Gioacchi­no in Mai­land; 1987 erhielt er eine Dozen­tur am Päp­stlichen Ambrosian­is­chen Insti­tut für Kirchen­musik, und 1988 wurde er Pro­fes­sor am Kon­ser­va­to­ri­um in Como, wo er ein Jun­gen­dorch­ester grün­dete und seit 2014 den Lehrstuhl für Kom­po­si­tion innehat.
Als Diri­gent und Kom­pon­ist arbeit­ete Negri mit zahlre­ichen Klangkör­pern und Insti­tu­tio­nen zusam­men und erwarb sich große Ver­di­en­ste durch Auf­führun­gen und CD-Ein­spielun­gen viel­er bis­lang unveröf­fentlichter Werke (u.a. von Adri­an Willaert). Titel wie Sacra sym­pho­nia per grande orches­tra oder Can­ta­ta ambrosiana, Alla battaglia per quat­tro clav­icem­bali oder La cac­cia, Lul­la­by per pianoforte oder Jazz, Gio­co musi­cale oder Del gio­co, del cuore, dell’allegria (Teatro alla scala, 2006) lassen sein beson­deres Inter­esse an der Musik der Renais­sance und des Früh­barock, an Folk­lore und Jazz sowie an ungewöhn­lichen Gen­res und Beset­zun­gen erken­nen – und benen­nen Impulse für schöpferische Aneig­nung­sprozesse und kom­pos­i­torische Strate­gien, die die Regeln der Tra­di­tion eben­so inno­v­a­tiv nutzen wie die Frei­heit­en der Post­mod­erne.
Ein beein­druck­endes Beispiel dafür ist das acht­stim­mige Chorstück Sym­bol­um Apos­tolo­rum, das den Kri­tik­er­preis 2012 des Inter­na­tionalen Wet­tbe­werbs Francesco Sicil­iani erhielt und am 14. Sep­tem­ber 2012 durch den St. Jacobs Kam­mer­chor Stock­holm unter Leitung von Gary Graden in der Basil­i­ca di San Pietro zu Peru­gia uraufge­führt wurde. Negris Ver­to­nung des litur­gis­chen Glaubens­beken­nt­niss­es wirkt wie eine kun­stvoll-vir­tu­ose Syn­these aus Gre­go­ri­anik und Palest­ri­na-Stil, aus Willaerts Raumwirkun­gen und Las­sos far­big-bild­hafter Tex­taus­deu­tung. Zwis­chen den leuch­t­en­den Klangsäulen des Cre­do am Beginn und in der Mitte des Stücks und des Amen am Ende (Akko­rde mit bis zu 13 Tönen) ent­fal­tet sich ein schön gestal­tetes poly­fones Lin­ien-Spiel, das von viel­er­lei struk­turellen und seman­tis­chen Bezü­gen und Ver­flech­tun­gen durch­zo­gen ist („Wasserze­ichen“ nen­nt Negri diese wiederkehren­den Melodiefloskeln und Klang­fig­uren), indessen (anti­fonale) Akko­rd­fol­gen sowie die Wech­sel von Tem­po, Dynamik und Rhyth­mus kon­trastre­iche Klangze­ichen für Glaube und Frohlock­en, für Kreuzi­gung und Aufer­ste­hung schaf­fen. Zehn Minuten hin­durch beschwört Negris Klang­welt die große Zeit der alten Vokalpoly­fonie her­auf – ein zeit­los­es, lei­den­schaftlich­es und sehr per­sön­lich­es Glaubens­beken­nt­nis.
Eber­hard Kneipel