Sonata

Rubrik: Noten
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Keine Klang­ex­per­i­mente, keine neuen Spiel­tech­niken, keine neuen Nota­tions­for­men. Stattdessen: freie Tonal­ität und Klänge, die ganz der Tra­di­tion des 20. Jahrhun­derts ver­haftet sind. Naoumoff set­zt in sein­er
Sonata für Vio­la und Klavier auf die Klang­sprache der Mod­erne und zeigt, wie wirkungsvoll diese auch heute noch ist.
Die musikalis­chen Wurzeln des 1962 in Bul­gar­ien gebore­nen Kom­pon­is­ten liegen in Frankre­ich: Im Alter von acht Jahren wurde Emile Naoumoff Schüler Nadia Boulangers, die ihn bis zu ihrem Tod 1979 unter­richtete und ihn in seinem Schaf­fen maßge­blich prägte. Mit zehn Jahren kom­ponierte Emile bere­its sein erstes Klavierkonz­ert und spielte dieses als Solist unter Yehu­di Menuhin. Die Sonata für Vio­la und Klavier schrieb
er in den Jahren 2001 und 2009. Er selb­st führte das Stück erst­mals am 24. Jan­u­ar 2010 an der Indi­ana Uni­ver­si­ty in Bloom­ing­ton auf, wo er heute als Asso­ciate Pro­fes­sor lehrt. Den Vio­la­part über­nahm Nokuthu­la Ngwen­yama.
Im wahrsten Sinne des lateinis­chen Wortes sonare, gle­ich: klin­gen gliedern Klänge und Far­ben die ein­sätzige Sonata; stets sind den Abschnit­ten bes­timmte Gefüh­le bzw. The­men zuge­ord­net. Der sequen­zierte Nonen­ab­fall als Anfangsmo­tiv in der Bratsche, gepaart mit extremen Lagen des Klaviers, spiegeln die Höhen und Tiefen des Lebens. Im Vor­wort schreibt Naoumoff: „Da die Bratsche dem men­schlichen Stim­mum­fang entspricht, ist es ins­beson­dere ihr möglich, umrahmt von den Extremen des Klaviers, die unter­schiedlichen See­len­zustände wie Klage, Revolte, Angst, Wohlbefind­en oder Melan­cholie zum Aus­druck zu brin­gen.“ Diese Stim­mungen sind col­lagear­tig zusam­menge­fügt und stets motivisch miteinan­der ver­woben. Zen­trales Motiv ist das „Leit­mo­tiv des Lebens“, das zunächst nur in der Bratsche in zahlre­ichen Vari­a­tio­nen mehrfach auf­taucht, um schließlich auch vom Klavier über­nom­men zu wer­den. Es beste­ht aus gebroch­enen Akko­r­den, deren Ambi­tus aber­mals charak­ter­is­tisch groß ist; die absteigen­den Zieltöne lassen Tragik ver­muten. So schreibt Naoumoff, das Leit­mo­tiv erk­länge „auf eine Art und Weise, welche das Werk als tragis­ch­er und naiv­er Tag­traum erscheinen lassen“. Deut­liche Motivik, Programma­tik und Klang­far­ben­spiel machen Naoumoffs Sonata zu ein­er Bilder­samm­lung, die schnörkel­los berührt.
Vir­tu­osität der Spiel­er ist beson­ders in dem Abschnitt „Rolling“ gefragt: Bei einem Tem­po von q = 104 ste­hen Zweiund­dreißig­steln und Sechzehn­teln im Klavier Sechzehn­tel­sex­tolen in der Bratsche gegenüber. Hier ist nicht nur rhyth­mis­che Sicher­heit, son­dern vor allem Fin­gergeläu­figkeit gefordert. Darüber hin­aus ver­langt die Sonata keine spiel­tech­nis­chen Höch­stleis­tun­gen. Abge­se­hen von sul pon­ti­cel­lo und Linke-Hand-Pizzi­cati in der Bratsche kom­men keine „mod­er­nen“ Spiel­tech­niken vor.
Katha­ri­na Bradler