Bruckner, Anton

Sinfonie Nr. 8 c‑Moll

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Querstand VKJK 0604
erschienen in: das Orchester 06/2007 , Seite 79

Das Abschied­skonz­ert von Her­bert Blom­st­edt, dem langjähri­gen kün­st­lerischen Leit­er des Gewand­hau­sor­ch­esters Leipzig, im Juli 2005 muss ein tiefes, unvergessenes Erleb­nis gewe­sen sein. Denn schon allein die Auf­nahme dieses Konz­erts ver­mit­telt einen sel­te­nen Ein­druck beseel­ten Genuss­es. Gibt es einen würdi­geren Abgang als mit Bruck­n­ers Achter?
Vielle­icht ist der Weg in der Musik zurück zu ein­er tra­di­tionellen Besin­nung der Inter­pre­ta­tion doch der richtige, außergewöhn­liche Qual­ität höch­sten Aus­maßes zu liefern, ger­ade bei Bruck­n­er, dessen späte Sym­phonien durch jün­gere Diri­gen­ten viel­mals wegen zu forsch gewählter Tem­pi an Größe und inner­er Würde ver­lieren. In der Wieder­ent­deck­ung der Langsamkeit, welche Her­bert Blom­st­edt ins­beson­dere im drit­ten Satz mit beseelt-langem Atem span­nungsre­ich zu gewaltiger Höhe führt, entwick­elt sich Bruck­n­ers har­monis­che Kraft, melodis­che Schön­heit sowie eine gelöst-vol­lkommene far­bige Klang­prächtigkeit. Wahre Musik scheint wirk­lich nur aus der Tiefe eines Ada­gios zu entsprin­gen. Falsches Pathos ist hier jedoch nicht ange­sagt: Das wäre freilich missver­standen und täte dem Kom­pon­is­ten Unrecht.
Eben­so sind die anderen Sätze in gemesse­nen, nicht allzu schnellen Tem­pi dirigiert, ohne aber der lauern­den Gefahr zu unter­liegen, bleiar­tig zu schlep­pen oder den großen Span­nungs­bo­gen ein­brechen zu lassen. Die Musik­er fol­gen ihrem schei­den­den Leit­er bis hin­auf in die Diri­gen­ten­stab­spitze. Nuanciert, dynamisch genau abgestuft mit akribis­ch­er Liebe zum Detail sind sowohl die trans­par­enten Holzbläs­er eingestellt als auch die cremig-zarten Klänge des wär­menden Blechs volltö­nend präsen­tiert, ins­beson­dere beim kolos­sal wirk­enden Auftritt der acht Hörn­er. Die Stre­ich­er des Orch­esters sind bekan­ntlich eine ver­lässliche Bank, die Vio­lon­cel­li intonieren sauber auch in den höch­sten Lagen bis in die dreigestrich­ene Oktave hinein, die Vio­lin­soli – sie fall­en son­st gerne schon mal unter den Tisch – wer­den exakt und deut­lich zu Gehör gebracht. Sel­ten so eine gelun­gene Auf­nahme gehört, inter­pretiert mit echtem Herzblut und völ­liger Hingabe!
Den­noch hat Tra­di­tion einen Nachteil, der allerd­ings keinen schw­er­wiegen­den Ein­fluss auf die hohe kün­st­lerische Leis­tung von Diri­gent und Orch­ester hat: Tra­di­tion heißt, dass sich auch ein Gewand­hau­sor­ch­ester Leipzig nicht von der so genan­nten Fas­sung von Robert Haas tren­nen möchte, die sich, wenn auch ger­ingfügig, von der eigentlichen, wis­senschaftlich fundierten zweit­en Fas­sung von Anton Bruck­n­er unter­schei­det. Haas ret­tete 1939 in dessen Fas­sung einige Tak­te vor­wiegend des 3. und 4. Satzes aus der sel­ten gehörten, ersten Fas­sung Bruck­n­ers hinüber. Somit wird die Nach­welt auch von Her­bert Blom­st­edt keine bruck­n­er­sche Orig­i­nal­fas­sung der Acht­en hören, son­dern lediglich die lieb und teuer Gewor­dene. Eigentlich schade – aber wenn man’s so gewöh­nt ist…
Wern­er Bodendorff