Drüner, Ulrich

Richard Wagner

Die Inszenierung eines Lebens. Biografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Blessing, München 2016
erschienen in: das Orchester 11/2016 , Seite 57

Jede neue Wag­n­er-Biografie ste­ht unter zunehmen­dem Legit­i­ma­tions­druck. Dieser Druck ist Drün­ers Buch deut­lich anzumerken. Er sieht sich in der Tra­di­tion der „großen“, wirkungsmächtig­sten Wag­n­er-Biografen der Ver­gan­gen­heit: Die Trias Glase­napp, New­man und Gre­gor-Dellin ist das ganze Buch hin­durch dro­hend all­ge­gen­wär­tig; die zahllosen übri­gen Wag­n­er-Darstel­lun­gen wer­den nur am Rande mit ein­be­zo­gen – oder auch nicht. Und natür­lich sind Abset­zbe­mühun­gen spür­bar, um der Schrift möglichst klare Alle­in­stel­lungsmerk­male zu ver­lei­hen. Pos­i­tiv festzuhal­ten ist hier, dass dem Leser Wag­n­ers Charak­ter und sein Denken sowie die wesentlichen Impulse und Ini­tialzün­dun­gen für sein Schaf­fen ganz beson­ders plas­tisch, quel­lengestützt und argu­men­ta­tiv sich­er nahege­bracht wer­den. Auch die Aus­führun­gen zu den Werken mit Schw­er­punkt auf dem Sujet und den inhaltlichen Ver­strick­un­gen liest man mit Gewinn.
Das Musikalis­che kommt dage­gen deut­lich zu kurz, was umso mehr ver­wun­dert, als sich der Autor wieder­holt und bisweilen mit unbot­mäßiger Pen­e­tranz als Musik­er mit langjähriger Orch­ester­prax­is selb­st ins Spiel bringt. Da von ein­er sicheren, geschweige denn halb­wegs lück­en­losen Beherrschung der musik­wis­senschaftlichen Lit­er­atur zum Werk kaum die Rede sein kann, hätte man doch zumin­d­est einige wertvolle Ein­blicke aus der Prax­is erwartet, zur Instru­men­ta­tion etwa oder zur Entwick­lung des Orch­ester­satzes. Doch statt hier Konkretes, Neues zu bieten, operiert der Autor mit eher hil­f­los anmu­ten­den Superla­tiv­en zur Schön­heit des Werks oder er bringt den schwammi­gen Begriff der Tran­szen­denz ins Spiel; über bei­des ist nicht recht zu disku­tieren.
Unscharf bleibt auch der Begriff der Insze­nierung aus dem Unter­ti­tel: Dass Wag­n­er, je älter er wird, sein Leben, seine Biografie re-insze­niert, ist wed­er über­raschend noch neu. Spätestens seit Beethoven gehört die Insze­nierung der Per­son untrennbar zum Kün­stler­tum dazu. Und dass die Dar­legun­gen in Mein Leben durch den Ver­gle­ich mit den frühen Briefen und Schriften prak­tisch durchge­hend rel­a­tiviert bzw. wider­legt wer­den, ist eben­falls seit Jahrzehn­ten bekan­nt; Egon Voss und Isol­de Vet­ter etwa haben schon immer darauf aufmerk­sam gemacht.
Mit „der“ Forschung, „den“ Biografen und „der“ Musik­wis­senschaft geht Drün­er im Ganzen eher rüde um; auch wer­den Desider­ate dort gese­hen, wo gar keine sind, etwa was die Bedeu­tung der Dia­tonik in Tris­tan und Isol­de ange­ht, oder auch hin­sichtlich der Leit­mo­tivik: Das wieder­holte Auffind­en des Tages­mo­tivs aus dem 2. Akt etwa im Gutrune-Motiv und dem Trauer­marsch der Göt­ter­däm­merung oder im Par­si­fal-Vor­spiel ist nur ein Beispiel eigen­tüm­lich­er Werk­be­tra­ch­tung.
Trotz der oben ange­sproch­enen Meriten: Im Ganzen hät­ten dem Buch eine klarere Sys­tem­atik, ein besseres, sehr ein­greifend­es Lek­torat und eine stärkere Selb­stzucht des Autors gut getan.
Ulrich Bar­tels