Railroad Rhythms

Classical Music about Trains. Im Rhythmus der Eisenbahn

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic 93.187
erschienen in: das Orchester 03/2007 , Seite 89

Das 19. Jahrhun­dert war weit­ge­hend von Fortschritts­gläu­bigkeit geprägt, von der Fasz­i­na­tion von der Tech­nik, die die Grund­lage für die indus­trielle Rev­o­lu­tion lieferte. Dampf­maschi­nen waren für diese Entwick­lung, die alle gesellschaftlichen Bere­iche tang­ierte, unent­behrlich. Beson­dere Fasz­i­na­tion löste die Entwick­lung der Eisen­bahn aus, die das Reisen rev­o­lu­tion­ierte. Kein Wun­der, dass auch die Kom­pon­is­ten sich von dieser Fasz­i­na­tion ansteck­en ließen, Antonín Dvor?ák, ein ger­adezu fanatisch Eisen­bahn­begeis­tert­er, mag da nur das bekan­nteste und sich fast unge­bührlich in den Vorder­grund drän­gende Beispiel für die Eisen­bahn­lei­den­schaft sein.
Das SWR Rund­funko­rch­ester Kaiser­slautern, das aus Spar­grün­den mit dem Rund­funko­rch­ester Saar­brück­en fusion­iert wer­den soll, hat sich nun mit dem inter­na­tion­al renom­mierten Diri­gen­ten Jiri Stárek der The­matik auf der CD Rail­road Rhythm mit ein­er eben­so unter­halt­samen wie instruk­tiv­en Ein­spielung angenom­men. Dass Stáreks Groß­vater selb­st Eisen­bah­n­er war, dürfte sein Inter­esse an diesem Pro­gramm noch ver­stärkt haben. Das Pro­gramm, das vom 19. Jahrhun­dert aus­ge­hend sich auch das 20. erschließt, bietet neben Dvor?áks Humoresque op. 101,7 ein sehr ken­nt­nis­re­ich zusam­mengestelltes Pro­gramm, bei dem Rar­itäten dominieren.
Natür­lich fehlt, qua­si als End­punkt, Arthur Honeg­gers Pacif­ic 231 nicht, das die Fasz­i­na­tion der Eisen­bahn in ihr Gegen­teil umschla­gen lässt und für ein sich ändern­des Tech­nikver­ständ­nis ste­ht, das das Ver­nich­tungspoten­zial der Maschi­nen­welt in den Vorder­grund rückt. Es dominieren aber zumeist Stücke, die oft auf dur­chaus unter­halt­same Weise sich der Eisen­bahn näh­ern. Zu ihnen gehören Hans Chris­t­ian Lum­byes Kopen­hagen Eisen­bahn-Dampf Galopp, Johann Strauß Sohns Vergnü­gungszug oder Kom­po­si­tio­nen von Eduard Strauß (Mit Dampf! Pol­ka schnell op. 70). Ste­ht hier hör­bar das Tanzvergnü­gen im Vorder­grund, was vom sehr präsent musizieren­den SWR Rund­funko­rch­ester Kaiser­slautern mit Tem­pera­ment und Liebe zum Detail musiziert wird, so beschreibt Alois Pach­ernegg mit Unter Dampf! Ein Zug fährt vor­bei schon fast nat­u­ral­is­tisch das Nahen und Passieren eines Dampfzuges.
Die Weite des amerikanis­chen West­ens, der ohne die Eisen­bahn kaum hätte erschlossen wer­den kön­nen, evoziert hinge­gen Aaron Cop­lands blue­sig ange­hauchte John Hen­ry. A Rail­road Bal­lad, während Leonard Bern­stein das Dampflokzeital­ter hin­ter sich gelassen hat und den Zuhör­er mit jazz­i­gen Klar­inet­ten­klän­gen zu ein­er Fahrt mit der U‑Bahn nach Coney Island (Sub­way Ride and Imag­i­nary Coney Island) ein­lädt. Eben­so wie ihre amerikanis­chen Kol­le­gen haben auch Jacques Ibert der Paris­er Metro und Vin­cent D’Indy mit Hor­i­zonts verts – Fal­conara der Bahn ihre Ref­erenz erwiesen. In die Weit­en Brasiliens ent­führt Heitor Vil­la-Lobos mit O Tren­z­in­ho do Caipi­ra, während sein mexikanis­ch­er Kom­pon­is­tenkol­lege Sil­vestre Revueltas sich den Bau ein­er Eisen­bahn­strecke (Con­struc­tion of the Rail­road) als musikalis­che Vor­lage wählt.
Stárek und das sehr aus­ge­wogen beset­zte, mit vie­len inspiri­erten Bläser­pas­sagen aufwartende SWR Rund­funko­rch­ester wer­den dabei den unter­halt­samen eben­so wie den deskrip­tiv ange­haucht­en Kom­po­si­tio­nen zum The­ma Eisen­bahn gerecht, selb­st der stren­gen Fugen­form eines Hild­ing Rosen­berg (Rail­way Fugue) wird mit ansprechen­dem Orch­esterk­lang etwas von ihrer Strenge genom­men. Einzig beim wohl bekan­ntesten Eisen­bahn­stück über­haupt, bei Honeg­gers Pacif­ic 231, hätte man sich vom Orch­ester und seinem aufmerk­samen Leit­er auf dieser auch durch ihre musikalis­che Vielfalt überzeu­gen­den, dank der die Räum­lichkeit gut ein­fan­gen­den Auf­nah­me­tech­nik auch klan­glich gelun­genen CD eine Spur mehr von dem apoka­lyp­tis­chen Moment wün­schen kön­nen, die diesem Werk innewohnt.
Wal­ter Schneckenburger