Mahler, Gustav

Lieder aus “Des Knaben Wunderhorn”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 657
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 72

Die Ver­flech­tung von Lied, Liedzyk­lus und Sym­phonie stellt ein einzi­gar­tiges Merk­mal von Gus­tav Mahlers Schaf­fen dar. Dabei stellt sich die Beschäf­ti­gung mit der von Clemens Brentano und Achim von Arn­im zusam­mengestell­ten Gedich­tan­tholo­gie Des Knaben Wun­der­horn, veröf­fentlicht zwis­chen 1805 und 1808, als zen­tral her­aus. Diese Aus­gabe, die Mahler von der Sän­gerin Anna Bahr-Milden­berg 1895 geschenkt bekam („Welche Freude ich mit diesem reizen­den Buch habe, kön­nen Sie sich gar nicht denken“, lautete der Dank des Beschenk­ten), fand reichen Nieder­schlag in seinem Werk. Die 14 Lieder nach Gedicht­en aus Des Knaben Wun­der­horn, die in Orch­ester­fas­sung vor­liegen und die Markus Stenz mit dem Gürzenich-Orch­ester einge­spielt hat, bilden zwar keinen Zyk­lus, sind the­ma­tisch aber eng verk­lam­mert.
Eben­so eng sind die schon ange­sproch­enen Bezüge zum sin­fonis­chen Schaf­fen Mahlers: Er über­nahm Urlicht in seine 2. Sin­fonie, Das himm­lisch Leben war schon für die Dritte vorge­se­hen, bevor es im Finale der 4. Sin­fonie seinen Platz fand. Zudem lieferte Des Anto­nius von Pad­ua Fis­ch­predigt das the­ma­tis­che Mate­r­i­al für das Scher­zo der 2. Sin­fonie. Mahler ging mit seinen Textvor­la­gen frei um, kürzte die Gedichte, kom­binierte zwei von ihnen miteinan­der oder fügte Textzeilen hinzu. Seine Sicht auf die Wun­der­horn-Lieder ist keine verk­lärende. Zwar sind viele von ihnen von (einem dur­chaus bis­si­gen) Humor oder von Ironie geprägt. Eben­so oft ste­ht Tode­sah­nung und -erwartung im Vorder­grund. Die men­schliche, nicht die tierische Dummheit ist The­ma der Fis­ch­predigt des Anto­nius von Pad­ua. Auch wenn die Liebe in den Wun­der­horn-Liedern eine große Rolle spielt, ist sie doch sel­ten so unprob­lema­tisch wie im Rhein­le­gend­chen.
Nicht immer ist es ein­deutig, für welche Stimme Mahler die Lieder vorge­se­hen hat­te. Seine Anmerkung, sie seien alle für Män­ner­stimme geschrieben, hat er selb­st durch die eigene Auf­führung­sprax­is wider­legt. Markus Stenz ste­hen mit der kraftvoll-lyrischen Sopranistin Chris­tiane Oelze und dem Bari­ton Michel Volle zwei unge­mein textver­ständliche Inter­pre­ten zur Ver­fü­gung. Bei­de zeich­nen sich durch eine den Text und den musikalis­chen Sub­text, der sich oft in grim­mig-hin­ter­sin­ni­gen Orch­esterkom­mentaren Mahlers ent­deck­en lässt, aus­lo­tende Sicht auf die Lieder aus. Oelzes far­ben­re­ich­er, aber immer auch mit ein­er Spur Dis­tanz agieren­der Sopran und der klangvolle, dabei stets nuancierte Bari­ton Volles lassen wenig Wün­sche offen.
Ana­log zu den Sin­fonien Mahlers, die Stenz mit dem bestens vor­bere­it­et wirk­enden Gürzenich-Orch­ester aufn­immt, gelingt es ihm auch bei den Liedern der Vielschichtigkeit Mahlers gerecht zu wer­den. Schein­bar Banales wird eben­so ernst genom­men, wie Sen­ti­men­tal­ität keinen Raum erhält. Der Volk­slied­ton, der gele­gentlich angeschla­gen wird, ist immer nur ein schein­bar­er. Stenz geht zwar nicht ganz so weit in der kam­mer­musikalis­chen Auf­fas­sung der Wun­der­horn-Lieder wie beispiel­sweise Ric­car­do Chail­ly mit dem Roy­al Con­cert­ge­bouw Orches­tra; seine Sicht, die er dank des sehr aus­ge­wogen musizieren­den Köl­ner Orch­esters hier präsen­tiert, kann aber sehr für sich ein­nehmen.
Wal­ter Sch­neck­en­burg­er